hsaka 2025: Religion. Macht. Gesellschaft.

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Religion. Macht. Gesellschaft.

Gesellschaft macht Religion. Oder macht Religion Gesellschaft? Immerhin prägen diverse religiöse Überzeugungen, Riten und Werte unser Zusammenleben. Andererseits begegnet uns heute aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen Religion ebenfalls in vielerlei Gestalt – oftmals sogar, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Welche Bedeutung haben zum Beispiel die unterschiedlichen christlichen Konfessionen für unser modernes Verständnis von Staatlichkeit? Wieso wird die Trennung von Religion und Staat innerhalb der europäischen Union mitunter so unterschiedlich interpretiert und gelebt? Inwiefern könnte uns ein Blick in die Geschichte nützen, um Lösungsoptionen für religiös geprägte Konflikte der Gegenwart ausfindig zu machen?

Die geschichtswissenschaftliche Perspektive auf das Spannungsfeld von Religion, Macht und Gesellschaft macht uns diskursfähig für die Probleme unserer Zeit. Deshalb schauen wir im Kurs erstens auf Religionen, nicht auf Glauben – denn wir wollen nicht über unsere persönlichen Überzeugungen diskutieren, sondern Strukturen analysieren. Zweitens sprechen wir über Macht in ihrer Ambivalenz – denn wir interessieren uns mehr für komplexe Wechselwirkungen als für scheinbar einfache Kausalitäten. Und drittens beschäftigen wir uns mit Gesellschaften im Wandel – in Deutschland, Europa und darüber hinaus.

​Instrumentalisierung des Mittelalters. Wie Ideologien historische Ideen nutzen (können)

Tradwives proklamieren online die Idylle der Hausarbeit. Andersrum musste meine Oma für ihren ersten Job noch meinen Opa um Erlaubnis fragen. Erst seit 1957 ist das in Deutschland nicht mehr nötig. Absurd, oder? Zum Glück sind wir heute fortschrittlicher als früher! Und wie war das erst im Mittelalter, als Frauen noch gar keine Rechte hatten...

Es wird euch vielleicht überraschen zu lesen, dass mittelalterliche Frauen oft dieselben Berufe ausgeübt haben wie ihre Väter oder Ehemänner, ganz unabhängig von körperlicher Anstrengung. Unsere falschen Vorstellungen über das Verhältnis von Männern und Frauen im Mittelalter - wie die über Ritter und Burgen, über "Dark Ages" und Hexen auch - stammen größtenteils aus dem 19. Jhd. und sind Produkte der Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirche in der modernen Gesellschaft. In diesen Erzählungen ging es also nicht wirklich um das Mittelalter, sondern um die eigene soziale und politische Verortung. Geht es heute nicht auch genau darum, wenn jemand über "das Mittelalter" redet?

Im Kurs wollen wir uns ansehen, wie Vorstellungen vom Mittelalter gesellschaftliche Codes geschrieben haben, in aktuellen Diskursen fortwirken und somit unsere Identität prägen. Dafür werden wir untersuchen, was die mittelalterliche Realität mit unseren Ideen vom "Mittelalter" zu tun hat. Wir lernen dabei, ideologischen Missbrauch historischer Klischees zu erkennen und schulen unser kritisches Denken.

Nationalismus und Funktionalisierung von Religion

Religiöser Fanatismus in den USA? Klingt irgendwie komisch, oder?

Die USA – Land of the Free, Sex, Drugs and Rock'n'roll, die älteste bestehende Demokratie und das Vorbild für die gesamte (westliche) Welt. Eine Supermacht, die ihre Stärke in ihrer Vielfalt sah und ihren Sieg gegen die autoritären Systeme des 20. Jahrhunderts auch als Sieg dieser Vielfalt verstand.

Wir sehen allerdings gerade wie die zweite Trump Administration nicht nur in der Außenpolitik für Unruhe sorgt, sondern auch die Innenpolitik der USA radikal umgestaltet: Rechte für Frauen, Homosexuelle, Trans-Personen, Migrant*innen und Geflüchtete sollen dem Willen der US-Regierung nach umgestaltet , eingeschränkt und abgeschafft werden. White Christian Nationalism nennt sich die dahinterstehende Ideologie, deren erklärtes Ziel es ist die USA wieder zu ihren von Gott gegebenen Ursprung zurückzubringen, als einen Staat für weiße, englischsprachige Christen.

Gemeinsam wollen wir herausfinden, was genau dieser White Christian Nationalism eigentlich ist, wie Christentum und Nationalismus in ihm verschmolzen sind. Ob die Berufung auf die Gründerväter der USA wirklich historisch begründet werden kann, wo seine ideologischen und historischen Wurzeln zu verorten sind und wieso er sich ausgerechnet aus dem so fortschrittlichen Kalifornien heraus ausgebreitet hat. Dabei werden wir uns nicht nur mit historische Quellen beschäftigen, sondern auch aktuelle Ereignisse untersuchen und versuchen diese anhand der historischen Hintergründe zu verstehen.

Aus der Geschichte lernen - und (religiösen) Frieden schaffen?

Können wir aus der Geschichte lernen und die Vergangenheit als Vorlage nutzen, um gegenwärtige Probleme zu verstehen? Gerade für religiöse Konflikte gibt es mit dem Dreißigjährigen Krieg ein großes Beispiel, das wir betrachten können. Der Westfälische Frieden, der diesen Krieg beendete, könnte uns anregen, darüber nachzudenken aus der Vergangenheit zu lernen.

Religiöse Konflikte begegnen uns in den Nachrichten fast täglich. Vor allem über den Konflikt in Syrien liest und hört man im Moment wieder mehr und seit dem Brexit brodelt es wieder in Nordirland. Diese Art von Konflikten ist nicht komplett neu, sondern haben Ähnlichkeiten mit dem Dreißigjährigen Krieg. Der Dreißigjährige Krieg wurde allerdings erfolgreich durch einen Friedensvertrag beendet, der auch die religiösen Differenzen zu etwas Nebensächlichem machte. So wie der Dreißigjährige Krieg kein rein religiöser Konflikt war, sind es auch unsere Gegenwärtigen Konflikte nicht. Dennoch sind die religiösen Differenzen wichtige Aspekte dieser Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart und sollten daher Beachtung finden. In der Beschäftigung mit dem Westfälischen Frieden können wir durch den historischen Vergleich der Frage nachgehen, ob dieser als „Blaupause“ zur Beilegung religiöser Konflikte der Gegenwart dienen könnte. 

Für dieses Thema werden wir uns zunächst genauer mit dem Dreißigjährigen Krieg und Westfälischen Frieden auseinandersetzen und wie wir sie als Analyse-Modelle einsetzen können. Danach werden wir uns mit dem Konflikt in Syrien und dem Nordirland-Konflikt gegenwärtigen religiösen Konflikten widmen und sie mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichen.

​Wenn Religion Herrschaft stört. Vom Umgang des Staates mit religiösen Bewegungen

Religion und Staat – das kann auf verschiedenste Weisen ein schwieriges Verhältnis sein. Wenn Menschen von etwas überzeugt sind, etwas für ihre religiöse Pflicht halten und der Staat verbietet es ihnen. Wo endet bei solchen Konflikten die religiöse Freiheit? Aber auch Hass, der von Politiker:innen gegen Religionen geschürt wird, ist uns heute noch nicht fremd. 
Wenn die Regierung und eine Religionsgemeinschaft eine sehr große Nähe zueinander haben, ja der Glaube den Herscher:innen vielleicht sogar als Legitimation dient, ist dies meist auch problematisch. All dies, und noch viel mehr, kann die Beziehung zwischen Religion und Staat ausmachen.

Statisch sind diese Beziehungen auch nicht. Mormonen hatten einst starke Konflikte mit der US-Regierung, da Polygamie in ihrem Glauben fest verankert war. Nach der Entscheidung eines Propheten, die Doctrine diesbezüglich zu ändern verbesserte sich die Beziehung jedoch. Mittlerweile kandidierte sogar mit Mitt Romey ein Mormone für das Amt des US-Präsidenten. 
Der Iran hingegen ist ein Beispiel für die enge Verstrickung aus Staat und Religion. Die Regierung geht gewaltsam gegen Aktivist:innen vor, schreibt aber auch die Erinnerungen an Dichter, Denker, Wissenschaftler und Gelehrten so um wie es ihnen gefällt. So werden diese Leute dennoch geehrt, obwohl sie ausgesprochene Atheist:innen waren. Dies ist nur in der Erinnerung an sie nicht zu finden, religiöse Titel jedoch schon.

Wir wollen den Umgang von Staaten mit unterschiedlichen Religionen analysieren, Beispiele aus unterschiedlichen Zeiten mit einbeziehen, Situationen vergleichen, uns mit Quellen auseinandersetzen und miteinander diskutieren. Mit alle dem wollen wir ein besseres Bild davon erlangen, wann Religion Herrschaft störte und was dies zur Folge hatte.