Vom Tanz in der Kirche zur erblichen Nervenkrankheit. Zur Semantik körperlicher Expressivität zwischen Liturgie, Volksfrömmigkeit und Medizin

Eine Geschichte von Veitstanz und Tanzwut (abgeschlossenes Habilitationsprojekt)

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Vom 7. bis zum 17. Jahrhundert überliefern Heiligenviten und Chroniken, später auch medizinische Abhandlungen Berichte von kollektiven Tanzbewegungen im Zusammenhang mit christlichen Heiligenfesten oder im räumlichen Umfeld von Kirchen. Als „Veitstanz“ oder „Tanzwut“ werden diese Fälle in der historischen Forschung bis heute undifferenziert als Zeugnisse von Massenpsychosen, Hysterie und/oder neurologischen Krankheiten gewertet. Neuere geschlechtergeschichtliche Arbeiten haben die „Tanzwut“ undifferenziert als Vorläufer des klassischen Hysterie-Diskurses vereinnahmt. In volkskundlicher und religionsgeschichtlicher Tradition hat man häretische oder heidnische Rituale als Hintergrund sehen wollen. Die Medizingeschichte hat zudem auf die mögliche Einwirkung von Halluzinogenen oder auf eine Vergiftung durch Mutterkorn (Ergotismus) als Ursache hingewiesen. In vielerlei Hinsicht analog ist der „Tarantismus“ Süditaliens, bei dem zwanghaftes oder therapeutisches Tanzen auf einen angeblichen Spinnenbiss zurückgeführt wird. Diese monokausalen Erklärungsansätze werden der Vielschichtigkeit der Quelleninformationen aus ganz unterschiedlichen zeitlichen und situativen Horizonten in keiner Weise gerecht. Zudem ist eigentlich erst in der Forschung ein Gesamtzusammenhang konstruiert worden, der zunächst durch präzise Untersuchung der einzelnen Zeugnisse aufzulösen wäre.

Den bekannten Quellen gemeinsam ist das wiederkehrende Motiv des zwanghaften, unfreiwilligen Tanzes. Dieses soll zunächst diskursanalytisch auf seinen Bedeutungswandel hin untersucht werden. Danach soll performanztheoretisch das Wechselverhältnis von semantischem Wandel und körperlich-psychischer Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der Tanzenden beschrieben werden. Zu verfolgen wären so Formierung, Wandel und Überlagerung einer Krankheit als semantisches Netzwerk. Dieses in der Medizinsoziologie und -anthropologie entwickelte Modell könnte so durch die Möglichkeit einer historischen Längsschnittanalyse in seinem Erkenntnispotential deutlich erweitert werden.

Wie jede körperliche Praxis ist Tanz gekennzeichnet durch kulturelle Konstruiertheit bei gleichzeitiger Semantisierung als Erfahrung von Unmittelbarkeit. Diese Erfahrung von Unmittelbarkeit und Transzendenz in körperlicher Expressivität wird in rituellen Praktiken eingehegt. In der Theologie der großen christlichen Kirchen ist sie tendenziell ausgeschlossen: Der Tanz in der Kirche ist eine seit der Antike vergeblich bekämpfte religiöse Praktik. Schon die Kirchenväter verurteilen dionysische Rituale als Folge eines göttlichen Fluchs. Dieses Motiv wird seit dem frühen Mittelalter auf den Tanz in der Kirche übertragen. Vermittelt über die Erzählung vom Tanz der Salomé (Tochter der Herodias) führt dies zu den „Johannis-“ und „Veitstänzen“ des späten Mittelalters. Mit dem unfreiwilligen Tanz assoziieren die Quellen nun verschiedenste nicht normenkonforme Verhaltensmuster und Symptome. Das 17. Jahrhundert schließlich kennt Heilwallfahrten von „Tanzkranken“, etwa die heute noch gepflegte Echternacher Springprozession. Paracelsus, Jean Bodin, Felix Platter und Thomas Sydenham bemühen sich um eine medizinische Systematisierung. Im 19. Jahrhundert führt die grundlegende Monographie des Berliner Mediziners Justus F. C. Hecker (1832) zu erneuten Diagnosen von „Tanzwut“. Noch die heutige medizinische Terminologie stellt Chorea maior (Chorea Huntington) und Chorea minor in einen Zusammenhang mit der „Chorea Sancti Viti“ bzw. „Sancti Johannis“. So verschiebt sich die Bedeutung vom rituellen Tanz zum Fluch, zur kollektiven „Mania“ oder „Epidemia“ und schließlich zur individuellen Nervenkrankheit einerseits, zur Massenhysterie andererseits. Am Ende steht also ein elaboriertes Krankheitsbild, am Anfang eine der diskursiven Möglichkeiten des Umgangs der mittelalterlichen Theologie mit dem Tanz.

Diese Pathologisierung kollektiver körperlicher Expressivität steht am Anfang der modernen Massenpsychologie. Von der Literatur des späteren 19. Jahrhunderts bis zur medialen Repräsentation jugendlicher Subkulturen des 20. Jahrhunderts zieht sich das stereotype Motiv des Kontrollverlusts im Tanz. Seine Konstruktion ist Teil der Formierung einer spezifisch europäischen Rationalität. Zugleich vermittelt seine Rezeption ein stereotypes Bild von vorzivilisatorischer körperlicher Unmittelbarkeit im Gegensatz zur modernen Körperdisziplin. In diesem Sinne steht das Projekt zwischen konstruktivistischer Medizingeschichte, Historischer Anthropologie und mediävistischer Semantik.