Noah Nätscher

Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit November 2019: Doktorand am Lehrstuhl für Neueste Geschichte
  • Seit Juli 2019: Zusammenarbeit mit der Stadt Eschborn zur Erforschung der Stadtgeschichte seit 1945
  • Dezember 2018: Masterabschluss im Fach Geschichte (1,0)
    Titel der Masterthesis: „Koloniale Objekte“ im Humboldt-Forum und im Musée du Quai Branly – eine interdisziplinäre Debatte
  • 2013 – 2018: Studium der Geschichte, Ethnologie und Empirischen Sprachwissenschaften in Frankfurt am Main

Dissertationsprojekt

Vom Dorf zur Stadt – Die Geschichte Eschborns von 1945 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts

Ein kleines Haus mit Garten, eine Lage im Grünen und doch nicht zu weit von der Stadt – das Idealbild vom suburbanen Leben hat die deutsche Siedlungsstruktur der Nachkriegszeit entscheidend geprägt. So wuchsen die Gemeinden im Umland großer Städte zu Vorstädten heran und entwickelten sich teils zu eigenen Zentren. „Zwischenstadt“ oder „Post-Suburbia“ sind nur einige Begriffe, die Soziolog*innen fanden, um diese neue Siedlungsform zu beschreiben, deren ungebrochenes Wachstum viele von ihnen für die Zersiedelung der Landschaft und den Verfall der Städte verantwortlich machen. Doch während die Soziologie schon seit den 1970ern über Gefahren und Chancen von Suburbanisierungs­prozessen diskutiert, scheint die Geschichtswissenschaft das Feld lange Zeit übersehen zu haben. Erst seit Kurzem und bisher recht fragmentarisch holt sie die historische Aufarbeitung der Suburbanisierung nach, wobei sie vor allem die befürchteten Verlierer des Wandels in den Blick nimmt: die Großstädte.

Diese Perspektive soll im Dissertationsprojekt umgekehrt werden: Mit der Stadt Eschborn steht hier eine einst klassische Dorfgemeinde im Fokus, die seit spätestens den 1960ern durch ihr rasantes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum auffällt. Ökonomisch gesehen gilt sie als Musterbeispiel für eine gelungene Anpassung an den Wandel durch Suburbanisierung. In der Analyse des Strukturwandels, dem Dörfer wie Eschborn in Suburbanisierungs­prozessen unterliegen, verbunden mit einer für die Zeit nach 1945 noch ausstehenden stadtgeschichtlichen Untersuchung, besteht das Ziel der Dissertation. Hierzu fragt die Arbeit einerseits nach Ursache und Wirkung der Entwicklungen im Wandlungsprozess der Gemeinde. Andererseits erforscht sie die Veränderungen in Alltag und Wahrnehmung der Bürger*innen sowie deren Anpassungsstrategien an die neuen Bedingungen. Zur Untersuchung dieses Wechselspiels baut die Dissertation auf Gottfried Korffs Unterscheidung zwischen „äußerer“ und „innerer“ Urbanisierung auf. So sollen im ersten Teil die äußeren Faktoren der Suburbanisierung im Vordergrund stehen: ökonomische und politische Entwicklungen, Wandel der Bevölkerung und die sichtbaren wie auch oberflächlich unsichtbaren Neuerungen in der gebauten Stadt und der Infrastruktur. Der zweite Teil der Dissertation hingegen widmet sich den „inneren“ Faktoren und untersucht die veränderten Lebens- und Wahrnehmungswelten der Bewohner*innen Eschborns. Im Fokus stehen hier kleinstädtischer Alltag, neue Kommunikationsformen sowie Konflikte und Konfliktpotenziale im Prozess des Wandels. Ebenfalls thematisiert werden soll die Spannung zwischen der Konstruktion einer modernen, städtischen Identität und dem Erhalt der dörflichen Erinnerung.

Dazu stützt sich die Dissertation auf einen umfangreichen und bisher kaum beachteten Quellenkorpus aus Stadt-, Presse-, Unternehmens- und Vereinsbeständen sowie auf Interviews mit ausgewählten Zeitzeugen. Wissenschaftlich aufgearbeitet werden diese in einem interdisziplinären Ansatz, der der Soziologie und Ethnologie nahesteht. Das Dissertationsprojekt soll die bisher lückenhafte geschichtswissenschaftliche Erschließung des deutschen Suburbanisierungsprozesses in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergänzen und mit dem Blick auf Eschborn dem bisher wenig erforschten Feld der Umlandgemeinde Raum geben. Im Mittelpunkt steht dabei unter anderem die Frage nach einer Geschichte des Erfolgs oder des Scheiterns der Suburbanisierung in Eschborn aus verschiedenen Perspektiven heraus.