Das Neue Frankfurt 1925-1960

Das Neue Frankfurt 1925-1960. "Internationaler Stil"  oder Kulturtransfer in dynamischen Zeiten

C. Julius Reinsberg

1990 öffnete der Frankfurter Messeturm seine Pforten und wurde in kurzer Zeit zum Wahrzeichen der Mainmetropole. Er wurde von Helmut Jahn entworfen. Der Architekt wurde 1940 in Deutschland geboren, ging in den 1960er Jahren in die USA und leitet seit den 1980er Jahren das in Chicago ansässige international renommierte Architekturbüro Murphy/Jahn. Jahn konzipiert auf der ganzen Welt Projekte und hat Wohnsitze in den USA und in Deutschland. Er lebt eine transnationale und transatlantische Identität, die in der heutigen Zeit nicht selten ist.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wäre ein solcher Lebensweg weniger selbstverständlich gewesen. Das Dissertationsprojekt will vor diesem Hintergrund die Lebenswege der vier Frankfurter Architekten Ernst May, Martin Elsaesser, Ferdinand Kramer und Margarete Schütte-Lihotzky untersuchen. Sie verbindet die gemeinsame Arbeit am international gefeierten Siedlungsprojekt „Das Neue Frankfurt“ der 1920er Jahre und die spätere Ablehnung bzw. Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Drei von ihnen verbrachten die 1930er und 1940er Jahre weitgehend im Exil. Die Arbeit will der Frage nachgehen, inwiefern die Protagonisten im Ausland an ihre Arbeit vor 1933 anknüpfen konnten. In den 1920er Jahren verabschiedete man sich zunehmend von „wildwachsenden“ Städten und erkannte die besondere gesellschaftliche Relevanz von Architektur und Städteplanung. Bei der Schaffung eines – wie auch immer definierten – „Neuen Menschen“ schien sie absolut unverzichtbar, qualifizierte Architekten waren daher als Experten international gefragt. Sie selbst reagierten auf diese Entwicklung mit einer zunehmenden Vernetzung, die durch Austausch über nationalstaatliche Grenzen hinweg einen möglichst raschen Fortschritt garantieren sollte. Aufgrund ähnlicher Bauaufgaben und Lösungsansätze sprach man bald vom „Internationalen Stil“. Unter den Augen einer interessierten Öffentlichkeit entstanden auf der ganzen Welt moderne Flachdachbauten und -siedlungen, die dem Problem der Wohnungsnot, hygienischen Herausforderungen und als gesellschaftlich problematisch angesehenen Wohnformen mit nüchterner Rationalität begegneten. Ausgehend von diesem Ansatz dürfte das Exil für einen renommierten Architekten also keine große beruflichen Hürde darstellen, vielmehr müsste seine Expertise an nahezu jedem Aufenthaltsort anwendbar und anerkannt sein. Die Arbeit möchte dies anhand der vier Fallbeispiele prüfen. Waren Bautheorie und -praxis tatsächlich nahezu universell anwendbar? Welche Bedeutung spielten nationale Bautraditionen und spezifische Gesellschaftskonstellationen?