Konfessionelle Kipppunkte: Krisen und Konflikte in städtischen Gesellschaften der Frühen Neuzeit
Unter welchen Bedingungen konfessionelle Konstellationen in der Frühen Neuzeit konflikthaft wurden, lässt sich besonders gut in den multikonfessionellen Städten des Heiligen Römischen Reiches beobachten. Ob das religiöse Nebeneinander die Form einer friedlichen Nachbarschaft annahm oder in Konflikte und Gewalt mündete, war von zahlreichen Faktoren abhängig. So schuf der Augsburger Religionsfrieden von 1555 nahezu drei Jahrzehnte tatsächlich Frieden im Heiligen Römischen Reich, verlor aber ab den 1580er Jahren zusehends an Verbindlichkeit. Der Friedenszeit folgte eine Verhärtung der konfessionellen und politischen Fronten, die zunächst in die Blockade der Reichsorgane und schließlich in den Dreißigjährigen Krieg mündete.
Während die zunehmende Instrumentalisierung des konfessionellen Gegensatzes auf der Ebene der Reichspolitik gut untersucht ist, wurde die Frage, wie sich der politische Klimawechsel im religiösen Alltag der Menschen vollzog, kaum behandelt. Um die Kipppunkte im Konfessionskonflikt in den Blick zu nehmen, wird anhand von Stadtratsprotokollen, Justizakten, Chroniken und publizistischen Quellen rekonstruiert, wie sich die politische Aufladung der konfessionellen Differenz im Zusammenleben einer Stadtgesellschaft niederschlug. Zu fragen ist, in welchen Schritten sich Spannungen und Konfliktlagen verschärften, welche Konflikte vor Ort sich hier herausbildeten, ob bremsende Kräfte und neutrale Zonen auszumachen sind und welche Rolle politische Instrumentalisierungen spielten. Diesen Fragen geht das Projekt am Beispiel der Reichsstadt Frankfurt nach, die sich dafür als multikonfessionelle Messestadt und Ort der Kaiserkrönung besonders eignet und mit der Eskalation des Fettmilch-Aufstands von 1614 in einem antijüdischen Pogrom auch eine Ausweitung konfessioneller in interreligiöse Konflikte erlebte.