Michael Leemann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“

Frühneuzeitliche Automaten: Eine Technikgeschichte des Religiösen

Es ist so etwas wie die vergessene Seite der Frühen Neuzeit: In den drei Jahrhunderten zwischen 1500 und 1800 entstand eine Reihe teils spektakulärer Automaten, also mechanischer Konstruktionen, die sich scheinbar ohne äußeres Zutun bewegen. Auf uns gekommen sind beispielsweise filigrane Mönchsfiguren, die sich im Quadrat bewegen und mit den Händen gestikulieren, als würden sie predigen, oder elaborierte Uhrwerke, die mit aufwändig gestaltetem Personal etwa Jagdszenen darstellen – und nicht zuletzt jenes kleine Schiff, das zur Unterhaltung von Tischgesellschaften über die Tafel fuhr, während die mechanische Besatzung Musik spielte und Kanonen abfeuerte.

Abgesehen von herausragenden, aber recht allein stehenden Bestandsaufnahmen aus technik-, kunst- und literaturwissenschaftlicher Perspektive haben die unzähligen realen und fiktiven Automaten der Frühen Neuzeit bislang in der historischen Forschung wenig Beachtung gefunden. In einem ersten Schritt verfährt das Forschungsprojekt deshalb explorativ und fragt nach tatsächlich gebauten Automaten in „Christentümern“ der Frühen Neuzeit. Denn neben dem Hof fanden sich Automaten in religiösen Kontexten in hoher Dichte: „Sakralautomaten“ (Jörg Jochen Berns) kamen verbreitet und mit einer Unbefangenheit zum Einsatz, die heutige Vorannahmen über vormoderne Frömmigkeit und Technikferne irritiert. Das Projekt nähert sich dieser besonderen Form von „material religion“ in globaler Hinsicht und erhellt so die Rolle, die Technik für das Religiöse spielte. In den Blick geraten soll dabei die Konstitution christlicher Gemeinschaften durch Technik, aber auch die Agency von Objekten und das in der Frühen Neuzeit viel diskutierte Verhältnis von Mensch und Maschine innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung.

Mission und Anthropologie. Zur Geschichte von Rassismus im 18. Jahrhundert

Dass „Rasse“ in der Frühen Neuzeit womöglich erfunden, sicherlich aber entscheidend geprägt wurde, ist zu einem Konsens der Rassismusforschung gereift. Denn in die Frühe Neuzeit fallen verschiedene Prozesse der Systematisierung menschlicher Vielfalt, ihrer Genealogisierung sowie ihrer Somatisierung in Blut, Haut und Knochen. Wesentlichen Anteil an dieser Forcierung von Rasse hatte die Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, die schnell zur Garantin anthropologischer Wahrheit wurde. Gelehrte wie François Bernier, Carl von Linné oder Immanuel Kant übertrugen nicht alleine das Wort „Rasse“ von Tieren auf Menschen, sondern versuchten, die Menschheit in verschiedene Gruppen zu unterteilen und diese wiederum zu hierarchisieren.

Das Dissertationsvorhaben geht der Frage nach, wie sich in gelehrten Rassekonzepten religiöse Differenzsetzungen niederschlugen. Am Beispiel der Geschichte der Mission der evangelischen Brüder auf den caraibischen Inseln S. Thomas, S. Croix und S. Jan soll gezeigt werden, wie ein Denken in religiösen Zugehörigkeiten als „natürlich“ verstandene Alterität inspiriert hat – und umgekehrt. Die 1777 in Barby erschienene Geschichte der Mission ist die gekürzte Fassung eines 3000-seitigen Manuskripts von Christian Georg Andreas Oldendorp, der darin unter anderem über die „Sklavenmission“ der Herrnhuter Brüdergemeine in Dänisch-Westindien berichtete. Das Werk diente Anthropologen wie Johann Friedrich Blumenbach, Christoph Meiners oder Samuel Thomas Soemmerring als eine der Referenzen für die taxonomische Einteilung der Menschheit in Rassen. Das Projekt soll sich mit einer Untersuchung der Herrnhuter Missionspraxis in Dänisch-Westindien in die Forschung zu Slave Religions einfügen, aber der medialen Wirksamkeit Rechnung tragen, mit der religiöse und rassifizierte Hierarchien den begrenzten Kontext der Mission überstiegen und in Gewissheiten über Kultur, Geschichte und Natur übersetzt wurden.

Frühneuzeitliche Automaten: Eine Technikgeschichte des Religiösen

Es ist so etwas wie die vergessene Seite der Frühen Neuzeit: In den drei Jahrhunderten zwischen 1500 und 1800 entstand eine Reihe teils spektakulärer Automaten, also mechanischer Konstruktionen, die sich scheinbar ohne äußeres Zutun bewegen. Auf uns gekommen sind beispielsweise filigrane Mönchsfiguren, die sich im Quadrat bewegen und mit den Händen gestikulieren, als würden sie predigen, oder elaborierte Uhrwerke, die mit aufwändig gestaltetem Personal etwa Jagdszenen darstellen – und nicht zuletzt jenes kleine Schiff, das zur Unterhaltung von Tischgesellschaften über die Tafel fuhr, während die mechanische Besatzung Musik spielte und Kanonen abfeuerte.

Abgesehen von herausragenden, aber recht allein stehenden Bestandsaufnahmen aus technik-, kunst- und literaturwissenschaftlicher Perspektive haben die unzähligen realen und fiktiven Automaten der Frühen Neuzeit bislang in der historischen Forschung wenig Beachtung gefunden. In einem ersten Schritt verfährt das Forschungsprojekt deshalb explorativ und fragt nach tatsächlich gebauten Automaten in „Christentümern“ der Frühen Neuzeit. Denn neben dem Hof fanden sich Automaten in religiösen Kontexten in hoher Dichte: „Sakralautomaten“ (Jörg Jochen Berns) kamen verbreitet und mit einer Unbefangenheit zum Einsatz, die heutige Vorannahmen über vormoderne Frömmigkeit und Technikferne irritiert. Das Projekt nähert sich dieser besonderen Form von „material religion“ in globaler Hinsicht und erhellt so die Rolle, die Technik für das Religiöse spielte. In den Blick geraten soll dabei die Konstitution christlicher Gemeinschaften durch Technik, aber auch die Agency von Objekten und das in der Frühen Neuzeit viel diskutierte Verhältnis von Mensch und Maschine innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung.

Mission und Anthropologie. Zur Geschichte von Rassismus im 18. Jahrhundert

Dass „Rasse“ in der Frühen Neuzeit womöglich erfunden, sicherlich aber entscheidend geprägt wurde, ist zu einem Konsens der Rassismusforschung gereift. Denn in die Frühe Neuzeit fallen verschiedene Prozesse der Systematisierung menschlicher Vielfalt, ihrer Genealogisierung sowie ihrer Somatisierung in Blut, Haut und Knochen. Wesentlichen Anteil an dieser Forcierung von Rasse hatte die Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, die schnell zur Garantin anthropologischer Wahrheit wurde. Gelehrte wie François Bernier, Carl von Linné oder Immanuel Kant übertrugen nicht alleine das Wort „Rasse“ von Tieren auf Menschen, sondern versuchten, die Menschheit in verschiedene Gruppen zu unterteilen und diese wiederum zu hierarchisieren.

Das Dissertationsvorhaben geht der Frage nach, wie sich in gelehrten Rassekonzepten religiöse Differenzsetzungen niederschlugen. Am Beispiel der Geschichte der Mission der evangelischen Brüder auf den caraibischen Inseln S. Thomas, S. Croix und S. Jan soll gezeigt werden, wie ein Denken in religiösen Zugehörigkeiten als „natürlich“ verstandene Alterität inspiriert hat – und umgekehrt. Die 1777 in Barby erschienene Geschichte der Mission ist die gekürzte Fassung eines 3000-seitigen Manuskripts von Christian Georg Andreas Oldendorp, der darin unter anderem über die „Sklavenmission“ der Herrnhuter Brüdergemeine in Dänisch-Westindien berichtete. Das Werk diente Anthropologen wie Johann Friedrich Blumenbach, Christoph Meiners oder Samuel Thomas Soemmerring als eine der Referenzen für die taxonomische Einteilung der Menschheit in Rassen. Das Projekt soll sich mit einer Untersuchung der Herrnhuter Missionspraxis in Dänisch-Westindien in die Forschung zu Slave Religions einfügen, aber der medialen Wirksamkeit Rechnung tragen, mit der religiöse und rassifizierte Hierarchien den begrenzten Kontext der Mission überstiegen und in Gewissheiten über Kultur, Geschichte und Natur übersetzt wurden.
  • seit 05/2023: Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Kollegforschungsgruppe „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“ (POLY), Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Prof. Dr. Birgit Emich)
  • 2/2017–4/2022: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Georg-August-Universität Göttingen (Prof. Dr. Peter Burschel)
  • 08/2013–01/2017: Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • 04/2013–01/2017: MA-Studium, Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
  • 09/2008–01/2013: BA-Studium, Allgemeine Geschichte und Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Universität Zürich, Schweiz
  • Technikgeschichte
  • Geschichte von Rassismus in der Frühen Neuzeit
  • Geschichte des Pietismus, insbesondere der Herrnhuter Brüdergemeine
  • Körpergeschichte
  1. Die Karibik er-fahren. Religiöse Erfahrung, Naturgeschichte und die Herrnhuter Mission in Dänisch-Westindien, in: Nora Blume / Thomas Ruhland / Christian Soboth / Friedemann Stengel (Hrsg.): Reisen und Religion im langen 18. Jahrhundert. Beiträge zum VI. Internationalen Kongress für Pietismusforschung 2022, Band 1 (Hallesche Forschungen 71/1), Halle (Saale) 2026, S. 241−253.
  2. Not One but Many „Moravian Churches“. Towards a Plural Turn in Moravian Studies, in: Exchange. Journal of Contemporary Christianities in Context 54/4 (2025), S. 310−330.
  3. How to Write about the Religious Other: Halle Pietist Missionaries, Their Publication Strategies, and Protestant Plurality, in: Birgit Emich / Antje Flüchter / Rebekka Voß (Hrsg.): The Christian Mission and the Religious Other. Multidirectional Perspectives in the Early Modern Period (special issue of Historical Interactions of Religious Cultures 2/1–2), 2025, S. 121−146.
  4. „Weiße“ und „schwarze Schafe“. Versklavung, Rassismus und Religion in Berichten zur Herrnhuter Mission in Dänisch-Westindien, in: Cornelia Aust / Antje Flüchter / Claudia Jarzebowski (Hrsg.): Verglichene Körper. Normieren, Urteilen, Entrechten in der Vormoderne (Studien zur Alltags- und Kulturgeschichte 35), Stuttgart 2022, S. 137–160.
  5. Like Squirrels. Religious Dissent and the Body of the „Savage“ in Marie de l'Incarnation's Writings, in: Elisabeth Fischer / Xenia von Tippelskirch (Hrsg.): Bodies in Early Modern Religious Dissent. Naked, Veiled, Vilified, Worshipped (Routledge Studies in Early Modern Religious Dissents and Radicalism), London – New York 2021, S. 174–193.
  6. Reinheit, Rasse, Rauch. Eine Annäherung an Rassismus im medizinischen Tabakdiskurs des europäischen 17. Jahrhunderts, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 66/2 (2016), S. 269–288.
  • Rezension zu Hengerer, Mark (Hg.): Der Körper in der Frühen Neuzeit. Praktiken, Rituale, Performanz (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 56), Wiesbaden 2023, in: Zeitschrift für Historische Forschung 52/2 (2025), S. 346–348.
  • Rezension zu Sumalvico, Thea: Umstrittene Taufe. Kontroversen im Kontext von Theologie, Philosophie und Politik (1750–1800) (Hallesche Forschungen 64), Halle (Saale) 2022, in: Zeitschrift für Historische Forschung 51/3 (2024), S. 590–592.
  • Bericht zur Tagung „Embodying Reformation“, 19.–20. Mai 2023, Bad Homburg v.d. Höhe, in: H-Soz-Kult, 01.12.2023 (→ Online lesen)
  • Rezension zu Ariel Hessayon (Hrsg.): Jane Lead and her Transnational Legacy (Christianities in the Trans-Atlantic World, 1500–1800) Basingstoke 2016, in: Studies in Puritanism and Piety Journal 2 (2020), S. 75–79.
  • Bericht zur Tagung „Verschränkte Ungleichheit. Praktiken der Intersektionalität in der Frühen Neuzeit“, 9.–10. März 2016, Greifswald, in: H-Soz-Kult, 21.05.2016 (→ Online lesen)
  1. Die Karibik er-fahren. Religiöse Erfahrung, Naturgeschichte und die Herrnhuter Mission in Dänisch-Westindien, in: Nora Blume / Thomas Ruhland / Christian Soboth / Friedemann Stengel (Hrsg.): Reisen und Religion im langen 18. Jahrhundert. Beiträge zum VI. Internationalen Kongress für Pietismusforschung 2022, Band 1 (Hallesche Forschungen 71/1), Halle (Saale) 2026, S. 241−253.
  2. Not One but Many „Moravian Churches“. Towards a Plural Turn in Moravian Studies, in: Exchange. Journal of Contemporary Christianities in Context 54/4 (2025), S. 310−330.
  3. How to Write about the Religious Other: Halle Pietist Missionaries, Their Publication Strategies, and Protestant Plurality, in: Birgit Emich / Antje Flüchter / Rebekka Voß (Hrsg.): The Christian Mission and the Religious Other. Multidirectional Perspectives in the Early Modern Period (special issue of Historical Interactions of Religious Cultures 2/1–2), 2025, S. 121−146.
  4. „Weiße“ und „schwarze Schafe“. Versklavung, Rassismus und Religion in Berichten zur Herrnhuter Mission in Dänisch-Westindien, in: Cornelia Aust / Antje Flüchter / Claudia Jarzebowski (Hrsg.): Verglichene Körper. Normieren, Urteilen, Entrechten in der Vormoderne (Studien zur Alltags- und Kulturgeschichte 35), Stuttgart 2022, S. 137–160.
  5. Like Squirrels. Religious Dissent and the Body of the „Savage“ in Marie de l'Incarnation's Writings, in: Elisabeth Fischer / Xenia von Tippelskirch (Hrsg.): Bodies in Early Modern Religious Dissent. Naked, Veiled, Vilified, Worshipped (Routledge Studies in Early Modern Religious Dissents and Radicalism), London – New York 2021, S. 174–193.
  6. Reinheit, Rasse, Rauch. Eine Annäherung an Rassismus im medizinischen Tabakdiskurs des europäischen 17. Jahrhunderts, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 66/2 (2016), S. 269–288.
  • Rezension zu Hengerer, Mark (Hg.): Der Körper in der Frühen Neuzeit. Praktiken, Rituale, Performanz (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 56), Wiesbaden 2023, in: Zeitschrift für Historische Forschung 52/2 (2025), S. 346–348.
  • Rezension zu Sumalvico, Thea: Umstrittene Taufe. Kontroversen im Kontext von Theologie, Philosophie und Politik (1750–1800) (Hallesche Forschungen 64), Halle (Saale) 2022, in: Zeitschrift für Historische Forschung 51/3 (2024), S. 590–592.
  • Bericht zur Tagung „Embodying Reformation“, 19.–20. Mai 2023, Bad Homburg v.d. Höhe, in: H-Soz-Kult, 01.12.2023 (→ Online lesen)
  • Rezension zu Ariel Hessayon (Hrsg.): Jane Lead and her Transnational Legacy (Christianities in the Trans-Atlantic World, 1500–1800) Basingstoke 2016, in: Studies in Puritanism and Piety Journal 2 (2020), S. 75–79.
  • Bericht zur Tagung „Verschränkte Ungleichheit. Praktiken der Intersektionalität in der Frühen Neuzeit“, 9.–10. März 2016, Greifswald, in: H-Soz-Kult, 21.05.2016 (→ Online lesen)
  • 2026−2030: Mitglied der Jungen Akademie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz
  • 2025: Lothar Gall-Preis zur Förderung der Geschichtsforschung
  • 2025: 2. Platz der Auswahlliste des Dissertationspreises der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts (DGEJ)
  • 11/2021 und 04/2022: Forschungsaufenthalt in Paris (gefördert durch Mobilitätsbeihilfen des Deutsch-Französischen Doktorandenkollegs)
  • 07/2020−09/2020: Forschungsaufenthalt an den Franckeschen Stiftungen zu Halle (gefördert durch das Dr. Liselotte Kirchner-Stipendienprogramm)
  • 2020−2023: Mitglied im Deutsch-Französischen Doktorandenkolleg „Unterschiede denken: Praktiken, Narrative, Medien“ (Humboldt-Universität zu Berlin, École des hautes études en sciences sociales Paris, Technische Universität Dresden und Université Cadi Ayyad in Marrakesch)
  • 2026: Mitglied des wissenschaftlichen Organisationsteams des „Frühneuzeittags“ 2026 (16. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft „Frühe Neuzeit“ im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands [VHD], 24. bis 26. September 2026, Goethe-Universität Frankfurt am Main)
  • 2017−2022: Redaktion „Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte
  • 2017−2021: Mitglied im Vorstand des Seminars für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen, Vertretung des Mittelbaus