Frankfurter Sommerkurs zur Verwaltungsgeschichte: Korruption und Patronage in der Frühen Neuzeit

Goethe-Universität Frankfurt am Main, 16.-19. Juli 2018 Campus Westend, SH 1.105

Organisation: Prof. Dr. Birgit Emich, Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Transparancy International, die wohl größte NGO, die sich dem Kampf gegen Bestechlichkeit weltweit verschrieben hat, sieht es so: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil. (…) Korruption verursacht nicht nur materielle Schäden, sondern untergräbt auch das Fundament einer Gesellschaft.“ Für die Moderne ist dem nicht zu widersprechen. Doch wie steht es mit der Vormoderne? Wer von heutigen Definitionen ausgeht, muss die Zeit vor etwa 1800 für einen Abgrund an Korruption halten. In der Frühen Neuzeit diente ein Amt („anvertraute Macht“) selbstverständlich auch dazu, sich selbst, Freunde und Familie mit Vorteilen zu versehen. Der Amtsbegriff war eben noch nicht derjenige der modernen Bürokratie: Statt der abstrakten Diensttreue des modernen Beamten dominierte die persönliche Dienertreue eines Amtsträgers gegenüber seinem Patron. Nicht Dienstpflicht, sondern Patronage stiftete Loyalität: Über die Vergabe von Ämtern entschieden vorrangig Netzwerke aus Freundschaft, Verwandtschaft und Patronage, und auch die Art der Amtsführung hing maßgeblich von dem ab, was sich Patrone und Klienten wechselseitig schuldig waren. Das Fundament der Gesellschaft war also nicht von Korruption bedroht, wie Transparancy International aktuell befürchtet. Vielmehr funktionierte Herrschaft und Verwaltung nur aufgrund von sozialen Verflechtungen, die heutigen Analytikern als strukturelle, netzwerkförmige Korruption erscheinen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Historiker Jens Ivo Engels in seiner „Geschichte der Korruption“ (2014) Korruption als moralische Kategorie begreift, die bewerte, aber wenig erkläre, in ihrer heutigen Bedeutung ohnehin erst um 1800 aufgekommen und für die Zeit davor eigentlich nutzlos sei.

Aber andererseits: Auch die Frühe Neuzeit kannte Kanzleiordnungen, Amtseide und die Verpflichtung auf das allgemeine Wohl, und immer wieder fanden sich Amtsträger des Amts- und Machtmissbrauchs bezichtigt. Offenbar gab es auch in einer Welt, die von der sozialen Norm der Patronage geprägt war, eine Vorstellung von Korruption. Aber wie diese Vorstellung inhaltlich konkret aussah, wann genau sie zum Einsatz kam und wo die Grenze zwischen Korruption und Patronage verlief – all das bedarf der Klärung.

Der Sommerkurs will diesem Spannungsverhältnis zwischen Korruption und Patronage für die Frühe Neuzeit nachgehen: in Vorträgen ausgewiesener ExpertInnen, aber auch in Seminarsitzungen mit gemeinsamer Quellenarbeit sowie bei der Diskussion einschlägiger Forschungsprojekte, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Bedarf und Interesse präsentieren können.

Der Sommerkurs richtet sich an Frankfurter Studierende, die diese Veranstaltung als reguläres Seminar zur Neueren Geschichte belegen können. Gleichzeitig steht der Kurs Promovierenden und Postdocs aus Frankfurt und von anderen Universitäten offen, die ein einschlägiges Projekt verfolgen oder sich schlicht für das Thema interessieren. Sie werden aufgefordert, sich um die Teilnahme an diesem Kurs zu bewerben. Falls Interesse an einer Projektpräsentation besteht, schildern Sie bitte kurz ihr Forschungsvorhaben. Die Teilnahme am Kurs ist kostenfrei, Reisekosten o.ä. können leider nicht übernommen werden.

Ihre Bewerbung schicken Sie bitte bis zum 15. Mai 2018 an: emich@em.uni-frankfurt.de

Ein Reader mit grundlegender Literatur zum Thema wird den TeilnehmerInnen rechtzeitig zur Verfügung gestellt.

Referenten und Referentinnen

  • Robert Bernsee, Göttingen
  • Stefan Brakensiek, Essen-Duisburg
  • Karl Härter, Frankfurt am Main
  • Cécile Huber, Bern
  • Katrin Keller, Zürich
  • Otto Ulbricht, Kiel

Programm

I. Gab es in der Frühen Neuzeit Korruption?

- Patronage als Basistechnik frühneuzeitlicher Herrschaft (B. Emich)

- Korruption in der Frühen Neuzeit – die Argumente dafür (O. Ulbricht)

II. Verwaltungsalltag zwischen Korruption und Patronage

- Söldnermarkt und Patronageressourcen in der Alten Eidgenossenschaft (C. Huber / K. Keller)

- Herrschaft und Patronage in der Staatsverwaltung (S. Brakensiek)

III. Normen und Semantik im Wandel: Wie Patronage zu Korruption wurde

- Semantiken von Korruption und Patronage in der Sattelzeit (R. Bernsee)

- Kriminalisierung und Verfolgung von Korruption in der Sattelzeit (K. Härter)

IV. Laufende Forschungen

V. Bilanz