Die Macht der Praxis

MachtDerPraxis

Ulla Kypta:

Die Macht der Praxis – Die Emergenz des englischen Schatzamtes aus der Fachsprache der Abrechnungen


Das englische Schatzamt entstand im 12. Jahrhundert, weil die Menschen, die die Aufzeichnungen der Rechnungsabhörungen schrieben, dafür eine spezifische Fachsprache verwendeten. Dies ergibt die Analyse der Dokumente, die die jährlichen Abrechnungen der königlichen Verwalter und Schuldner protokollierten, formten und reproduzierten: Der Pipe Rolls. Der Exchequer entsprang also keinem königlichen Gründungsakt und auch nicht den überlegenen Planungen genial veranlagter Verwalter. Stattdessen hatte die Fachsprache, in die die Abrechnungsprozesse gefasst wurden, entscheidenden Anteil daran, die Abhörungen zu stabilisieren. Das lag daran, dass diese Sprache abgrenzend wirkte, anpassungsfähig war und auf diese Weise gewährleistete, dass Abrechnungsprozesse immer wieder stattfinden konnten. Abgrenzungswirkung und Anpassungsfähigkeit sorgten dafür, dass die Rechenschaftslegungen mit Legitimität und Identität ausgestattet wurden. Auf diese Weise entstand aus der Routine der Abrechnungspraxis die Organisation des Schatzamtes.
Diese Organisation prägte das Zusammenleben der Menschen im englischen Königreich, sie bildete einen Teil der politischen Ordnung. Deshalb stellt meine Arbeit die These auf, dass menschliches Zusammenleben nicht nur auf Ritualen und Symbolen, Planungen und Satzungen ruht, sondern auch auf der unreflektierten Wiederholung einer Praktik gründen kann.