Die Goethe-Universität Frankfurt, der Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften und das Historische Seminar trauern um
Prof. Dr. Dr. h.c. Johannes Fried (23.05.1942 – 18.01.2026)
Der Mediävist Johannes Fried ist am 18.01.2026 im Alter von 83 Jahren verstorben.
Mehr als ein Vierteljahrhundert lehrte Johannes Fried von 1982 bis 2009 als Professor für Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Goethe-Universität. Dabei blieb er der Goethe-Universität trotz großem Interesse anderer Universitären stets treu. Als Sprecher des SFB 435 „Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel“ setzte er sich viele Jahre für die Stärkung kooperativer Strukturen in den Geisteswissenschaften ein. Johannes Fried war Mitglied nationaler und internationaler Historischer Kommissionen, Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (1996-2000) und (Mit-)Herausgeber verschiedener Fachzeitschriften. Als Visiting Fellow war er am Institute for Advanced Study in Princeton tätig.
Sein Werk wurde mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und der Carl-Friedrich-Gauß-Medaille ausgezeichnet. 2009 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.
Die Goethe-Universität verliert mit ihm einen hervorragenden Denker und herausragenden Hochschullehrer.
Den Angehörigen spricht die Goethe-Universität ihr zutiefst empfundenes Beileid aus.
| Prof. Dr. Enrico Schleiff Präsident der Goethe-Universität | Prof. Dr. Hans Peter Hahn Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geschichtswissenschaften |
In memoriam Johannes Fried (23. 5. 1942 – 18. 1. 2026)
Leicht gekürzte Fassung der Trauerrede von Johannes Heil am 5. Feb. 2026 in Heidelberg
Wenn ich hier spreche, dann als unus inter pares, und kann zugleich gerade einmal von Teilen des Werks und auch nicht annähernd von der ganzen Gestalt des Lehrers und Gelehrten Johannes Fried sprechen, dessen wir uns hier dankbar erinnern. Kaum jemand von den fünfunddreißig Schüler- und Mitarbeiter:innen wird sein Wirken ganz erfassen können – nicht nur der früh von ihm auf dem Weg geschickte und ebenso wenig eine:r der Jüngeren wie Janus Gudian, oder wie Kerstin Schulmeyer-Ahl und Barbara Schlieben, die gewissermaßen die mittlere Zeit abdecken können und deren Gedanken vielleicht stärker mit Arbeiten verbunden sind, die dem Verfasser weniger präsent sind. Jedenfalls sei ihnen Dank gesagt für wichtige Bausteine zu Person und Werk, die in diese Rede eingeflossen sind.
Das freilich ist zugleich schon die erste Gewissheit, die hier festgehalten werden soll. Johannes Fried entzieht sich, was die Reichweite seines Schaffens und Wirkens angeht, einer einzelnen, einfachen Beschreibung. Er hat wesentliche Arbeiten zur Geschichte der Karolinger, zur Geschichte der Ottonen, zur Geschichte der Staufer, zu Bologna als Paradigma für die Entstehung der westlichen Wissenschaft, dann zu Schulen und Universitäten überhaupt, zum Wissen als solchem, aber auch zur Phantasie, nach der alles Wissen verlangt, zu Schlüsselgestalten der Religionsgeschichte jenseits von Traditionen und Hagiographie, ferner zu den Wegen und Fallstricken des Erinnerns, und schließlich zum Mittelalter als solchem und das wiederum auch und besonders in Hinsicht seiner Bedeutung und Aussagekraft für die Gegenwart hinterlassen. Johannes Fried war für alles Geschichtliche ansprechbar. Also hat er auch keine Schule begründet, sondern Schüler:innen Wege geebnet, die sie dann in ganz unterschiedliche Richtungen gelenkt haben. Seine Wirkung, oder nennen wir es: Anleitung und Vermächtnis, hat fast schon etwas Cusanisches – eine Einheit in der Vielfalt und umgekehrt.
Dabei wäre Johannes Fried um ein Haar gar nicht Historiker geworden, hätten Karl der Grosse, Bolesław Chobry, die ganzen Heinriche und auch Ernst Kantorowicz ohne ihn auskommen müssen. Stellen wir uns vor, Johannes Fried hätte in jungen Jahren tatsächlich die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie in Karlsruhe bestanden und seine Arbeiten hingen heute neben denen von Anselm Kiefer oder Gerhard Richter. Schöner Gedanke – eigentlich. Dass es nicht so gekommen ist, haben wir Johannes Frieds Eigensinn zu verdanken. Denn um sicher sein zu können, dass er wirklich gut genug für die harte Künstler-Existenz sei, hat er damals nicht seine besten, sondern einige jener Arbeiten zur Bewerbung eingereicht, die er unter seine schwächeren zählte. Also ist er Historiker geworden, und das Nachstehende blickt auf den Menschen, auf den Lehrer, auf den Wissenschaftler, auf den Diskutanten, auf den politischen Menschen, auf den Inspirator und dann wieder auf den Menschen, nämlich auf Person und Gestalt.
Der Mensch Johannes Fried
war stets wachen Auges unterwegs, hatte Interesse für vieles (im Grunde für alles, was in sein Blickfeld kam), wollte es gründlich verstehen und dafür mit eigenem Sinn befragen. Um sein Urteil zu schärfen, hat er gerne anderen zugehört, zumindest auf seine Weise und besonders, wenn sie andere Erfahrungen und neues Wissen mitbrachten. Der Johannes Fried, der 1996 aus Princeton zurückkam, war kein anderer geworden, hatte sich aber in den Begegnungen dort (mit Pat Geary, Steven Aschheim und Peter Schäfer) neue Horizonte erschlossen. Solchen Austausch hat er nicht auf den akademischen Raum begrenzt. Er hat über Jahrzehnte Freundschaften gepflegt, in denen es sicher oft nicht um Geschichte, immer aber um Menschen ging. Wir selbst durften das über die Jahre hinweg in vielen Begegnungen und immer wieder tief bereichert erleben, auch mit seiner Frau Sigrid, bis zum letzten, nun lebhaft erinnerten Beisammensein im Haus in der Friedrichstraße im Nov. 2025.
Der Lehrer Johannes Fried
war bei seiner Ankunft in Frankfurt 1982 zunächst einmal der junge Neue, rasch aber ein Kristallisationspunkt des Seminars. Seine Lehre war anders, rief andere Themen auf, behandelte andere Fragen. Die trug er konsequent, im Grunde radikal im eigentlichen Wortsinn, an die Quellen heran, mit dem Ergebnis, dass selbst leidlich Bekanntes in einem anderen Licht erscheinen konnte.
Seine Lehrveranstaltungen hießen nicht einfach „Die Ottonen“, erst recht wohl auch schon damals nicht „Deutsche Geschichte von Otto I. bis Otto III.“
Neben dem Seminar zum Kosmos Bologna mit anschließender, unvergesslicher Exkursion erinnere ich besonders die Vorlesung zu „Krieg und Frieden im Mittelalter“, die eines aber nicht bot: Militärgeschichte, dafür aber die Frage nach den Gründen des Krieges, seinen Praktiken und Konsequenzen, was er mit dem Menschen mache, und die Frage, wie sich Frieden dagegen bauen ließ und welche Denkprozesse und Erfahrungen das erforderte. Und noch immer klingt mir aus einer anderen Vorlesung, wohl zum großen Thema der Willensfreiheit, seine Intonation des Klagegesangs des Gottschalk von Orbais im Ohr, dessen Verse mit den Worten schließen: O cur iubés caneré (MGH PP III, 731f.).
Der Lehrer war nicht immer einfach im Umgang, konnte bisweilen gar irritieren. Einmal überraschte er uns zum Ende eines Seminars mit der provokant einfachen Frage: „Was ist eine Pfalz?“ Um mit möglichst komplexen Antworten zu parieren, wurden dann kritisch-theoretisch geschulte, also typisch Frankfurter Beschreibungen aufgeboten, wie „Eine Pfalz ist ein Ort des kommunikativen Handelns“ oder dergleichen. Der Lehrer entließ uns sodann mit der simplen Feststellung: „Eine Pfalz ist ein Haus“, entließ also manch eine:n von uns so irritiert wie provoziert, auf lange Sicht aber mit dem Impuls versehen, die Dinge – ganz gleich, welche das seien – erst einmal mit einfach-klarem Blick anzugehen. Das sollte mitnichten eine Aufforderung sein, sich mit dem Einfachen zu begnügen, im Gegenteil.
Bei anderer Gelegenheit hat er uns aufgegeben, stets die erste Behauptung eines Buches oder eben der Quellen im Geiste, aber kräftig mit einem Nein! zu versehen, und wenn es sein müsse, das später zu streichen, ansonsten aber weiter zu fragen. Oder wie er es anderswo formulierte hat „Die korrekt wirkenden offiziösen Quellen bergen die stärksten Verformungen“ (Erinnerung und Vergessen, 2001, S. 578).
Wir Schüler standen zu Johannes Fried in einem nach außen klassisch wirkenden Lehrer-Schüler-Verhältnis. Aber es war mehr als das. Vielleicht wie nur wenige andere hat er uns ihm über die Schulter schauen lassen, uns Einblicke in sein Arbeit gewährt, und wir – so kann man sagen – haben das wissenschaftliche wie auch das wissenschaftsadministrative Arbeiten durch Nachahmung lernen können. Als Mitarbeitende saßen wir in der morgendlichen Runde im Dienstzimmer, ab 7.30h (mancher erst um 9h) allesamt um den Meister herum, er berichtete von seinen Themen und Entdeckungen der vergangenen Woche,
sah die Korrespondenz durch, packte nach und nach seine Tasche aus, anfangs die große lederne Hängetasche, später die noch größere Rolltasche, und verteilte die Arbeit. Schlußszene: Der foliantenbestücke Rollwagen wurde mit voller Kraft angeschoben und zum Kopierraum gelotst.
Der Wissenschaftler Johannes Fried
zeichnet sich dadurch aus, dass er stets weiter gefragt hat, zumal wo andere sich mit Gewissheiten zufriedengaben: wie weit die Königsgedanken Heinrichs des Löwen gediehen waren und wieviel dessen Evangeliar über sein Selbstverständnis aussagen konnte (1990), was sich aus dem Aachener Widmungsbild für den Akt von Gnesen und die Anfänge des polnischen und ungarischen Königtums gewin-nen ließe (1989), wie wenig Verlässliches die bekannten Quellen für eine Königserhebung Heinrichs I. hergeben (1993) und welche Konsequenzen das für Formierung Europas (1993) und die Ursprünge Deutschlands und den Weg in die Geschichte (1994) habe. Ihm ging es darum, die gesamte „kulturelle Evolution“ (Das Mittelalter. Geschichte und Kultur, 2008) für das Mittelalter, von 500-1500, und wenn es sein musste auch für Zeiten und Fragen davor und danach fassbar zu machen.
Bei alledem hat Johannes Fried stets gründlich, ja skrupulös gearbeitet, zu kritischen Rückfragen aufgefordert und nie eine steile These einfach mal rasch auf den Weg gebracht. Dafür war ihm die Wahrheit viel zu wichtig, und die stellte sich bei tieferer, kritischerer, weiter aufgestellter Betrachtung oft anders da, als es die etablierten Gewissheiten wahr(-)haben wollten. Gründlichkeit im Umgang mit Quellen und Literatur gilt schon für den Druck seiner Heidelberger Dissertation zur Entstehung des Juristenstandes im 12. Jahrhundert; die einzige ernsthafte Kritik eines Rezensenten in der Zs. f. Romanische Philologie 1974 lautete dann auch: „Der Sprachwissenschaftler wäre für einen Wortindex (neben dem Namenindex) dankbar gewesen.“
Johannes Frieds Schriftenverzeichnis auf der Seite des Frankfurter Historischen Seminars zählt zwanzig Monographien (bis 2015), darunter Übersetzungen ins Englische, Französische, Italienische und Polnische, über 150 Artikel zu Sammelbänden und Zeitschriften (bis 2014) und bald zwanzig Herausgeberschaften (bis 2011). Die jüngeren Arbeiten müssen dem noch hinzugefügt werden.
Bei so viel Arbeiten zu ganz unterschiedlichen Themen, die meisten frei bestimmt ausgewählt, die wenigsten angefragt oder sonstwie aufgegeben, dabei nicht nur Mittelalterliches, sondern auch die mehrfache Befassung mit Ernst Kantorowicz (implizit vielleicht selbst in Friedrich II. als Jäger, 1998, zur Dekonstruktion von Kantorowiczs frühem Friedrich-Buch und als Reverenz an den späteren Kantorowicz, der The King's Two Bodies zu schreiben vermochte) bis hin zur Befassung mit Schlüsseldokumenten der Geschichte des Nationalsozialismus.
Das waren keine launischen Ausflüge in andere Gefilde, sondern nicht minder akribisch und ebenso mit – wenn es sein musste eigens erworbener – Sachkunde geschriebene Arbeiten. „Hier könnte ich schließen“, schrieb Johannes Fried 2001 in Erinnerung und Vergessen, denn „als Mediävist habe ich mein Ziel erreicht. Als lebender Zeitgenosse aber vermag ich der Versuchung nicht zu widerstehen, die Beobachtungen zum Gedächtnis auf unsere Gegenwart zu lenken“, um im Anschluss dann „eine neue Offenheit unseres Faches“ zu fordern – ein Postulat, dem er sich selbst in den Folgejahren immer konsequenter gestellt hat, in seinen eigenen Arbeiten und auch als langjähriger Sprecher des DFG-zweiunddreißg Teilprojekte umfassenden Sonderforschungsbereichs Wissenskulturen und gesellschaftlicher Wandel (1999-2008).
Es fällt nicht einfach, ein die Person angemessen würdigendes, also wenigstens in seinen Umrissen erfassendes Profil des Gelehrten Johannes Fried zu formulieren. Wollte man seine Schwerpunkte benennen, könnte das nur in eine so lange wie lose Liste münden. Aussagekräftiger ist dagegen die Suche nach übergreifenden Themen in den Querschnitten seines Wirkens, die von Herrschaft zur Freiheit und vom Wissen über das Erinnern und die Fallstricke hinter dem Schleier der Erinnerung (2004) bis hin zum Vergessen reichen.
Dass dann als Bausteine dieser Querschnitte so viele verschiedene, gar heterogen zueinander stehend(erscheinend)e Themen versammelt sind, hat vielleicht mit dem Antrieb zu tun, der hinter allen diesen Arbeiten steht: nämlich der Versuch, den Menschen, eben nicht nur den des Mittelalters, sondern auch uns, in ihrem Wirken zu verstehen. Ganz so wie es in Erinnerung und Vergessen (2001) formuliert ist: „wie das alles, das Gute, das Böse, das Harmlose und Banale, auf unser Leben und unsere Seele einwirkte, [-] wir blieben die Antwort schuldig. […] Wir könnten nicht aufweisen, wie es jeweils gewesen ist.“
Dieser Einsicht hat Johannes Fried sich gestellt und dennoch weiter und erst recht Geschichte erforscht und geschrieben.
Wenn man es überschlägt, dann hat Johannes Fried an die neun- oder zehntausend oder auch mehr gedruckte Seiten hinterlassen. Das ist mehr als das Werk des karolingerzeitlichen Enzyklopädisten Hrabanus Maurus in Kolumnen gezählt in der Patrologia Latina ausmacht. Ich habe nicht annähernd alles davon gelesen, aber ich kenne nichts, was es nicht wert wäre, auch künftig gelesen zu werden, manches leichter, anderes herausfordernder.
Der Diskutant Johannes Fried
konnte harsch in seinem Urteil sein. „Der Mann hatte keine Ahnung“ (Wissenschaft und Phantasie, 1996, S. 304) – gemeint war niemand geringeres als Thomas Mann, den Johannes Fried als Stilisten geschätzt und Studierenden mit Schreibblockaden gelegentlich als Orientierung anempfohlen hat. Nur dass die Darstellung der „Wirklichkeit“ dem Dichter vorbehalten bleiben sollte, nicht dem Historiker, also auch dem eigenen Sohn, das provozierte entschiedenen Widerspruch.
Johannes Fried hat Debatten angestoßen und ausgehalten. Dabei ging es ihm nie um die Position oder um die Person, sondern immer um die Sache und die Ernsthaftigkeit ihrer Analyse. Die Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende (1989), die Debatten darum und seine daran anknüpfende weitere Befassung mit der Thematik erweisen sich als paradigmatisch für den Abstand zwischen Johannes Fried und manch anderem Geschichtsforschenden. Denn in der Frage nach dem Quellenwert der Zeugnisse post eventum unternahm er nicht weniger, als auf dem Gewicht der nicht-überlieferten Quellen zu bestehen. Die kann man zwar nicht lesen, muss sie aber stets mit in den Blick nehmen. Diese heuristische Transzendenz musste Anhängern eines dogmatischen Positivismus wie ein Sündenfall erscheinen. Gleiches gilt für die Thematisierung des „Verformungsprozess[es] geschichtlicher Ereignisse“ (1993), die in der Anerkenntnis des unumgänglichen Schleiers der Erinnerung und dem Entwurf einer daran kontrapunktisch anknüpfenden Historischen Memorik (2004) mündeten.
Seine Deutungen der Vorgänge in Canossa (2008, 2012) haben sich nicht – noch nicht? – durchgesetzt. Doch die Anstrengung und die Debatten darum haben so oder so Ertrag gebracht. Nicht nur, weil künftig „Canossa“ nicht mehr ohne die Erinnerung an Frieds Infragestellung des imperialen Unterwerfungsnarrativs genannt werden kann und er die Verankerung des Ereignisses und ihrer Interpretation in der nationalen Selbstvergewisserung des 19. Jahrhunderts („Nach Canossa gehen wir nicht“) freigelegt hat. Sondern auch, weil sein Beitrag und die Diskussionen darum als Lehrstück für die Kraft des Nachfragens und Andersdenkens wirkt und weiterwirkt.
Der Inspirator Johannes Fried
hat weit über seinen Arbeitsbereich gewirkt. Mich hat Johannes Frieds Argumentation zu „Canossa“ seinerzeit überzeugt, tut es auch heute. Aber darum geht es hier gar nicht. Wichtiger ist der Blick auf die Antriebskräfte, die hinter solchen Arbeiten erkennbar werden und was sie auslösen.
Johannes Fried hat als Lehrer und als Forschender vor allem eines weitergegeben: Das Vertrauen, dass man es kann. Er hat seine eigenen Themen niemandem, vor allem nicht den Schüler:innen aufgezwungen, aber den Ansporn vermittelt, etwas auszuprobieren, wenn man gute Argumente hat, und sich gegen Einsprüche zu wappnen. Wahrscheinlich, und hier kann ich wirklich nur für mich sprechen, hätte ich mich ohne die Frankfurter Schulung, den Austausch mit Johannes Fried und den Impuls durch Canossa kaum getraut, fest zementierte Grundannahmen zur spätantiken jüdischen Textgeschichte in Frage zu stellen und an das Zeugnis des Hrabanus Maurus und seinen Latein schreibenden „Hebraeus“ anknüpfend in Andere Juden (2024) die vorrabbinische, tatsächlich lateinische Textkultur der westlichen jüdischen Diaspora zu restituieren. Das war wahrlich kein Fried'sches Thema, aber ohne seine Anregung wäre das Unternehmen, das mit allerlei so beharrlich gepflegten wie schlecht begründeten Gewissheiten aufräumt, gar nicht erst auf den Weg gekommen.
Man sehe mir nach, dass hier Eigenes eingeflossen ist; es dient nur zum Beleg der prägenden Kraft des Lehrers, selbst nachdem der eigene Weggang aus Frankfurt fünfundzwanzig Jahre zurückliegt. Und ich bin mir sicher, dass andere, die ebensogut an meiner Stelle schreiben könnten, ganz ähnliches zu berichten haben.
Der Bürger Johannes Fried
Politik, wenn es nicht die Ludwigs des Frommen oder Ottos III. war, spielte im Tagesgeschäft am Historischen Seminar kaum eine Rolle. Johannes Fried strahlte einfach einen liberalen Geist aus, die oben genannte „neue Offenheit“ hing in seinem Flurabschnitt des Seminars geradezu in der Luft; der Rest war Privatsache oder blieb uns verborgen, nämlich der legendären Mittwochsrunde der Professorenschaft „beim Italiener“ vorbehalten – soweit.
Wenn es darauf ankam, konnte Johannes Fried ganz entschieden politisch wirken. Nur zwei Beispiele der früheren Jahre seien erinnert. Es war Johannes Fried, der als Vorsitzender des Verbands der Historiker:innen mit seiner Rede zur Eröffnung des Frankfurter Historikertags 1998 gegen manchen Widerstand den Impuls zum selbstkritischen Innenblick auf die Fachgeschichte 1933-45 und das Nachleben von Strukturen und Akteuren der Zeit gegeben und eine kritische Auseinander-setzung auf den Weg gebracht hat, die bis heute anhält.
Und es war Johannes Fried, der alle Hebel in Gang setzte, um gemeinsam mit dem Herausgebergremium beim Verlag den Rückruf des letzten, des Zeitgeschichts-bandes, der Reihe Propyläen-Geschichte Deutschlands zu erzwingen. Sein eigener sorgsam nuncierter Weg in die Geschichte und das wegweisende Profil der Reihe sollten, ja durften am Ende, zumal nach dem Historikerstreit, nicht durch einen Band aus dem Geist des Revisionismus konterkariert werden. Wie weitsichtig das seinerzeit doch war! Der Autor, der damals im Zentrum stand, wirkt bis heute als Hofhistoriker neurechter Zirkel und publiziert in einschlägigen blau-braunen Verlagen.
Person und Gestalt Johannes Frieds
entziehen sich einer einfachen Deutung. Das aber macht gerade seine Persönlichkeit und macht seine bleibende Wirkung aus, über den 18. Jan. 2026 hinaus. Man hat, auch in Nachrufen, Johannes Fried einen Atheisten genannt. Das ist aber nicht der Mensch, den wir kennen. Womöglich wirken in solchen Zuschreibungen postum archaische Ausgrenzungsreflexe nach, die mit Anfragen wie Wer war Benedikt von Nursia auch im 21. Jahrhundert nicht gut umzugehen vermögen. Gewiss: ein Katechismus, gleich welcher Denomination, hat bei Johannes Fried, wenn überhaupt, weit hinten im Regal gestanden und war dann bestenfalls ein Nachschlagewerk für Fußnotenkreationen. Bei Gesprächen mit Sigrid Fried dieser Tage konnte man verstehen, dass Johannes natürlich keine Dogmeninventare, dafür aber regelmäßig, vielleicht häufiger als manche:r Katechismusgläubige, die Schrift gelesen hat, eigentlich täglich.
In seinem Portemonnaie fanden sich Textstücke mit Psalmen. Johannes Fried war – so kann man sagen – von einer reflektierten Spiritualität beseelt – eine Frucht der eigenen Herkunft, die aber auch durch die Beschäftigung mit Gestalten der Geschichte aufgegeben war. Mit solch reflektierter Spiritualität hat Johannes Fried nach den Auseinandersetzungen um die Endzeitgedanken um die Jahrtausendwende dann auch den Zusammenhang zwischen mittelalterlicher Apokalyptik und modernen Naturwissenschaften (2001 u.ö.) herausarbeiten können.
In einem Florilegium, das sich auch im Portemonnaie fand, hat Johannes Fried geschrieben:
„Wenn ich sterbe / weinet nicht um mich / ich bin der Tränen nicht wert […] vergesst mich nicht / bewahrt mich still in eurem Herzen“
Wem gebührte es dann mehr, zum Abschied Verse zugesprochen zu bekommen, die einer einem anderen Johannes zugeschriebenen Überlieferung entstammen und die ein anderer großer Hamburger Johannes, der Brahms, kongenial vertont hat:
„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an.
Ja der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit;
denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (Apc .14).
Prof. Dr. Johannes Heil
Ignatz Bubis-Lehrstuhl für Geschichte, Religion und Kultur
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg