Eine Internationale Kulturgeschichte der Steuermoral

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Veranstaltungsankündigung

Workshop: Not paying taxes. Tax evasion, tax avoidance and tax resistance in historical perspective

We want to examine the different practices and forms of withholding and avoiding personal and financial duties, fees and taxes over time and among different social, professional and other groups. This includes, on the one hand, open and organized tax resistance on moral, economic and political grounds, challenging the existing legal or political order and claiming more or a different form of tax justice and redistribution, or a modification of how taxes are collected. In these cases, personal or financial duties were often seen as a form of humiliation and a marker of subordinated status. On the other hand, taxes and duties were often not resisted publically but rather avoided or evaded in secret. These terms refer to notions that distinguish between legal practices of lowering the intended burden and thus saving taxes or fees, and maneuvers that were classified as illegal or criminal. Such categorizations, though, depend on changing moral and legal perceptions and/or on class-related negotiating power. Our workshop is interested in all forms of and motives for not paying public fees and taxes. Proposals also from ancient, medieval, early modern, modern and non-European history are highly welcome, as are contributions from the history of law, of science and philosophy and of political and economic thought, from historical sociology and political economy.


Eine Internationale Kulturgeschichte der Steuermoral

Skandale wie der um Apples Steuerumgehungen in Irland, um die „Paradies Papers“ und die „Panama Papers“ oder um Fußballmanager Uli Hoeneß lösen bei vielen Kommentatoren Empörung aus. Warum zahlen gerade diejenigen, die es sich leisten könnten, nicht ehrlich ihre Steuern? Warum ist ihre Steuermoral so schlecht?

Ist sie das denn wirklich? Das tatsächliche Steuerzahlverhalten ist nur schwer zu messen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickeln Wissenschaftler Messmethoden, die die Höhe der Steuerhinterziehung beziffern sollen. Die Ergebnisse sind bis heute wenig zufriedenstellend: immer gibt es hohe Dunkelziffern, und selten sind die Ergebnisse miteinander vergleichbar. Klar schein nur: hinterzogen wurde schon seit Beginn der Messungen, und daran hat sich zwischenzeitlich nichts geändert.

Die empirischen Sozialwissenschaften machen es sich leichter: sie untersuchen die Haltung der Steuerzahler gegenüber ihrer Steuerpflicht, die sich in Umfragen messen lässt: „Can it be justified to cheat on taxes if you have a change?“ (World Values Survey). Die Antworten differieren stark, je nach Alter, Geschlecht, Bildungsstand, gefühlter Höhe der Steuerbelastung, empfundener Steuergerechtigkeit und vielen anderen Faktoren. Dabei bleibt ein Aspekt allerdings außen vor: verstehen wirklich alle Befragten in unterschiedlichen Ländern der Erde die gestellte Frage in derselben Weise? Die national sehr unterschiedlichen Ergebnisse lassen vermuten, dass dies nicht so ist, sondern dass die Normen und Werte rund um das Steuernzahlen kulturell bedingt und historisch gewachsen sind.

Die Analyse des historischen Wandels der Steuermoral bieten sich deshalb als fruchtbares Forschungsfeld für Historiker an: Wie haben sich die Normen und Werte im Hinblick auf das Zahlen von Steuern in verschiedenen kulturellen Räumen herausgebildet und im Laufe der Zeit verändert? Die „Sociology of Morality“, die sich mit der Entstehung und dem Wandel von Normsysteme beschäftigt (z.B. Gabriel Abend: The Moral Background), liefert wichtige methodologische Anregungen, auf deren Basis begriffsgeschichtliche und diskurshistorische Ansätze kombiniert werden können. So nimmt das Projekt „International Kulturgeschichte der Steuermoral“ die Entwicklung der Normen und Werte des Steuerzahlens im Zeitraum zwischen den 1940er und 1980er Jahren in drei unterschiedlichen Typen von Steuerstaaten in den Blick: der BRD, Spanien und den USA. Ziel ist eine vergleichende und transnationale Analyse von Genese und Wandel der unterschiedlichen Moralsysteme in ihrer kulturellen und historischen Bedingtheit.

Publikationen:

  • Steuermoral in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine diskursanalytische Rekonstruktion, in: Leviathan 47 (2019) 2, S. 169–191.
  • Die Steuermoral weltweit. Eine Artikelserie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Jahren 1963/64, in: Jan Otmar Hesse u.a. (Hg.), Moderner Kapitalismus. Institutionen, Praktiken, Semantiken, 2019 (erscheint in Kürze).
  • „Der Imperativ des Nassauerns, Durchmogelns und Absahnens“: Debatten um Steuermoral in der BRD Anfang der 1980er Jahren, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (erscheint in Kürze).

Das Team

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Nasrin Düll

  • Literaturbeschaffung
  • Pflege der Literaturdatenbank
  • Recherchearbeiten und Materialsammlungen
  • Erstellung von Forschungsberichten
  • Öffentlichkeitsarbeit

PD Dr. Korinna Schönhärl

Projektleiterin

Email: Schoenhaerl@em.uni-frankfurt.de                    

Nadya Melina Ramírez Lugo

  • Archivrecherche in Spanien
  • Auswertung spanischer Quellen
  • Pflege der Literaturdatenbank
  • Recherche spanischer Forschungsliteratur