Personalentscheidungen im byzantinischen Militär, 9.-14. Jh

Das Projekt widmet sich der Frage der Personalentscheidungen im byzantinischen Militärapparat zwischen dem 9. und dem 14. Jh. Als eine der größten Organisationen innerhalb des byzantinischen Gemeinwesens, die eine enorme Breite an Posten, Tätigkeiten und sozialer Herkunft bzw. sozialem Status ihrer Mitglieder aufweist, ist das Militär eng mit dem gesamtgesellschaftlichen Gefüge verknüpft. Personalentscheidungen im Militärapparat besitzen somit erhebliche Relevanz für die byzantinische Gesellschaft und den byzantinischen Staat insgesamt.

Die Kernfragen der Arbeit werden sich zunächst mit den Semantiken und den Institutionen der Personalauswahl beschäftigen, d.h. den ausformulierten Anforderungen, die an die Kandidaten für Posten im Militär gestellt wurden sowie systematisierten Verfahren der Personalauswahl und -distribution. Diesen soll dann der Bereich der Vergabepraktiken gegenübergestellt werden: Hier geht es um die konkreten Abläufe der Personalentscheidung, die impliziten Kriterien, nach denen Personal ausgewählt wurde, die Beschränkungen, die hier eine Rolle spielen, aber auch die Motive der Kandidaten, sich für ein Amt zu bewerben, und deren Erwartungen an ein Amt. Ferner sollen hier die verschiedenen Arten der Einflussnahme auf die Entscheidungsprozesse, sowie letztendlich auch die Bewertung von Erfolg und Scheitern solcher Personalentscheidungen betrachtet werden.

Der gewählte Untersuchungszeitraum bietet durch die strukturellen Transformationen, die der byzantinische Staat, die Gesellschaft und der Militärapparat in diesem Zeitraum durchliefen, ein besonders interessantes Untersuchungsfeld, um die Auswahl von Personal für die Streitkräfte zu untersuchen und Entwicklungen herauszuarbeiten. Im 9. Jh. war das sog. „Themensystem“, eine auf Militärbezirken basierende Provinzgliederung, definitiv etabliert. Im 10./11. Jh. wandelte sich die Ausrichtung der Armee von einer eher provinzbasierten zu einer zentralisierteren Truppe mit entsprechender Kommandostruktur. Die zentralen Divisionen („Tagmata“) wurden gegenüber den in den Provinzen stationierten Themenarmeen wichtiger, somit gewann auch Führungspersonal, das mit dem Zentrum verbunden war, gegenüber der provinziellen Militäradministration an Bedeutung. Man setzte vermehrt auf Söldner, wodurch sich die Zusammensetzung des Führungspersonals weiter veränderte.

Die im 11. und 12. Jh. stattfindende Aristokratisierung der Reichsführung insgesamt hatte wiederum Einfluss auf die Auswahlkriterien der hohen Führungsposten im Militär. Während sich bereits vorher bestimmte Geschlechter den Zugang zu leitenden Positionen durch gegenseitige Förderung innerhalb von Familiennetzwerken sicherten, gewannen verwandtschaftliche Verbindungen zum Kaiserhaus eine immer größere Bedeutung bei der Besetzung von Posten in den zentralen Streitkräften. Gleichzeitig ging die stark zurückgefahrene Militärverwaltung in den Grenzprovinzen in die Hand von lokalen Archonten (z.B. Sgourosfamilie in Korinth) über und wurde der Kontrolle der Zentrale phasenweise entzogen. Im 12.-14. Jh. spielten private Gefolgschaften von Magnaten eine immer größere Rolle. Man denke etwa an die Bedeutung der Anhängerschaft des Johannes Kantakuzenos für dessen Aufstieg als Militärführer, der schließlich in seiner Thronbesteigung mündete. Auch zeichnete sich die Kriegführung durch einen vermehrten Einsatz von Vasallen und selbstständigen Kriegskompanien aus, wie etwa der katalanischen Kompanie unter Roger de Fleur am Anfang des 14. Jh. Deren Kommandostrukturen existierten parallel und teilweise unabhängig von denen der Reichsarmee.

Da die erzählenden Quellen selten detaillierte Informationen über die Auswahlprozesse bei der Vergabe von Führungspositionen im Militär liefern und normative Quellen gänzlich fehlen, ist für die vorliegende Analyse ein Ansatz notwendig, der ein breites Spektrum von Quellenevidenzen miteinander kombiniert und innerhalb eines theoretischen Rahmens zu einem interpretierbaren Gesamtbild formt. Für die Untersuchung wird die Armee als in den Staat bzw. die Gesamtgesellschaft eingebettete Organisation betrachtet. So besaßen hohe Militärämter häufig auch zivile Kompetenzen und umgekehrt. Personennetzwerke, in die Militärs eingebunden waren, gingen meist über den Bereich des Militärs hinaus und umfassten weitere Bereiche der Gesellschaft und des Machtapparates. Personalentscheidungen innerhalb des Militärs unterlagen nicht nur der internen Logik der Organisation, sondern wurden auch von anderen Bereichen der Gesellschaft beeinflusst.

Der Bereich „Militär“ soll somit generell in einen soziologischen Kontext eingebettet werden. Soziale Werte und Praktiken, die Art, wie sozialer Status erlangt wird, sowie die (rechtlichen, finanziellen etc.) Vorteile, die verschiedene Niveaus von sozialem Status mit sich brachten, schafften einen Rahmen, in welchem sich Angehörige des Militärs bewegten, der ihre Ziele und Motive steuerte und der auch auf die Personalentscheidungen Einfluss hatte. In einem ersten Schritt sollen daher die geschilderten sozialen Rahmenbedingungen in dem Ausmaß dargestellt werden, wie sie für das Verständnis des Untersuchungsgegenstandes notwendig sind. Danach sollen einzelne Fragenkomplexe abgearbeitet werden, die das Thema der Personalentscheidung aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

Zunächst soll nach der Semantik von Entscheidungsprozessen bei der Personalauswahl geforscht werden. Dabei geht es um die Frage, welche explizit formulierten Anforderungen sich in den Quellenaussagen finden lassen, denen Kandidaten für bestimmte Posten entsprechen mussten. Ein Beispiel hierfür ist die in zeitgenössischen Militärhandbüchern zu findende Forderung an die Generäle, ihre Untergebenen streng nach dem Leistungsprinzip zu bewerten. Auch das Kriterium der Erfahrung wird in der Historiographie immer wieder als ausschlaggebender Faktor für die Personalwahl bei der Vergabe militärischer Führungspositionen angeführt.

Normativ festgelegte, institutionalisierte Verfahren der Personalentscheidung, wie sie für die orthodoxe Kirche (z.B. in den kanonischen Bestimmungen für Bischofswahlen) vorliegen, sind für den Bereich des byzantinischen Militärs nicht belegt. Allerdings lassen sich systematisierte Praktiken der Personalauswahl und -distribution erkennen, die die Praxis der Personalentscheidungen lenkten. Dazu zählt etwa, dass Strategen (Militärkommandeure von Provinzen) in mittelbyzantinischer Zeit in einem System der Rotation regelmäßig ihre Posten wechselten und im Zuge dessen teilweise befördert wurden. Auch für die spätere Zeit ist in den Quellen ein häufiger Postenwechsel und ggf. Aufstieg von Mitgliedern des militärischen Führungspersonals erkennbar. Umgekehrt scheint der Staat in einigen Fällen militärisch-administrative Führungspositionen (Strategos, Katepano, Kephale) gerade an Personen vergeben zu haben, die in einer bestimmten Region etabliert und vernetzt waren. Als Durchbrechung einer geregelten Aufstiegsordnung lässt sich die häufig dokumentierte Praxis einer Beförderung von Soldaten unterschiedlichster Rangstufen durch direkte kaiserliche Intervention werten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wer die Personalentscheidungen auf welcher Ebene traf, beispielsweise, welche Ränge der Kaiser, dessen Ernennungspraxis am besten dokumentiert ist, in der Regel persönlich besetzte und ab wann Generäle und Offiziere die Auswahl trafen.

Semantiken und institutionalisierte bzw. systematisierte Praktiken beeinflussten zwar die Entscheidungsprozesse in normativer Hinsicht, dennoch spielten auf der praktischen Seite der Personalentscheidungen zahlreiche andere Einflussfaktoren eine Rolle, die es zu untersuchen gilt. So lassen sich aus den Quellen weitere informelle und strukturelle Anforderungen erschließen, die bei der Personalauswahl von Bedeutung waren. Sie können je nach Situation variieren und sind nur über den Kontext der konkreten Einzelfälle zu ermitteln. Dazu gehören die soziale und regionale Herkunft, Kaisernähe, Verwandtschaftsbeziehungen, das politische Netzwerk, oder auch die Fähigkeit, als Kommandeur Truppen (und somit Personal) selbst finanziell zu unterhalten. Insbesondere, was die hohen Militär- und Verwaltungsposten im Reich angeht, lässt sich ab dem elften Jahrhundert eine zunehmende Aristokratisierung des Zugangs feststellen, die dem Kriterium der Abstammung einen hohen Stellenwert verschaffte und den Personenkreis der für bestimmte Ämter in Frage kommenden Personen informell beschränkte. Indes bestand im byzantinischen Militär zu allen Zeiten soziale Mobilität und die Möglichkeit des Aufstiegs durch Leistung, insbesondere in den unteren, weniger von politischen und aristokratischen Interessen durchdrungenen Bereichen.

Diese informellen Auswahlkriterien sind eng mit den Zielen und den Erwartungen verbunden, die Staat und Gesellschaft an das Militär als Organisation stellten. Dabei ging es in der Praxis der Erlangung bzw. Besetzung von Militärposten durchaus nicht immer primär und ausschließlich um die Effizienz der Organisation bei ihrer Aufgabenerfüllung im militärischen Bereich. Aus organisationssoziologischer Warte betrachtet werden die Werte und Normen, an denen sich die Entscheider innerhalb einer Organisation orientieren, zunächst zwar von den übergreifenden Zielen der Organisation bestimmt. Je weiter oben man sich in der Hierarchie befindet, desto stärker muss man allerdings auch Werte einbeziehen und gegeneinander abwägen, die teilweise miteinander oder mit den Kernzielen der Organisation inkompatibel sind (Simon 1966, 13-4). Hier kommen insbesondere informelle Ziele ins Spiel, die den Semantiken der Entscheidungsverfahren oft genug zuwiderliefen.

Während in den unteren Rängen eher die Fähigkeit der Kandidaten im militärischen Bereich von Wichtigkeit gewesen zu sein scheint, drangen gerade im Bereich der militärischen Führungselite, die in zahlreiche weitere gesellschaftliche Kontexte eingebunden war, Werte ein, die nicht unbedingt etwas mit den Kernaufgaben der Organisation zu tun hatten. Aus Sicht der Reichselite stellten hohe Militärämter – genau wie Ämter im Bereich der Ziviladministration – eines von mehreren Mitteln dar, um Einfluss im Staatsapparat zu erlangen, Titel zu erhalten, in die Nähe des Kaisers zu gelangen und letztendlich den sozialen Status zu verbessern. Aus Sicht des Staates bzw. der „Power Élite“ um den Kaiser wiederum stellten hohe Militärämter soziopolitisches Kapital dar, mit dem wichtige Mitglieder der Gesellschaft entlohnt, versorgt und Hierarchien stabilisiert werden konnten (zum Begriff der „Power Élite“ und seiner Abgrenzung zur sog. „Dominant Class“ vgl. Haldon, 2009, 172f.). Rücksicht auf Personennetzwerken sowie Patronage- und Klientelverhältnisse beeinflussten ebenfalls die Entscheidungsprozesse bei der Personalauswahl.

Neben den an die Militärorganisation herangetragenen Zielen und Forderungen, die die Personalentscheidungen auf informelle Art beeinflussten, müssen umgekehrt auch die verschiedenen von der Militärorganisation ausgehenden, teilweise anreizbasierten, teilweise Zwang ausübenden Maßnahmen analysiert werden, die Personal für den Dienst im Militär motivieren und dort halten sollten. So ist nach Ansicht der modernen Organisationstheorie eine Organisation stets auf ein Gleichgewicht zwischen Anforderungen an und Anreizen (bzw. Zwängen) für die Mitglieder („Equilibrium of the Organization“) angewiesen, um weiterbestehen zu können (Simon 1997, 110-22).

Dazu gehören etwa die Verpflichtung zum Militärdienst, Landvergabe, Besoldung, die Verleihung von mit sozialem Kapital behafteten Ämtern und Titeln, Privilegien, soziale Verbindungen in Bereiche außerhalb der Organisation (etwa durch Eheverbindungen) etc. Gerade im Hinblick auf die mittleren bis niedrigeren Posten im Militär kann man verschiedene Modelle der Anwerbung und Verpflichtung von Soldaten unterscheiden: temporäre/saisonale Anwerbung, Wehrdienst, Heeresdienst, der an Land bzw. Steuereinkünfte gekoppelt war. Während ab dem 11 Jh. etwa die Verpflichtung des Wehrdienstes zunehmend fiskalisiert wurde, gab es in der spätbyzantinischen Zeit die Tendenz, Verpflichtungen zum Heeresdienst erblich zu gestalten (z.B. Pronoia). Daneben wurden höhere Militärämter häufig mit Hoftiteln kombiniert, die soziales, ökonomisches und politisches Kapital mit sich brachten. Diese Maßnahmen stellen gleichzeitig Versuche dar, die Loyalität und Identifikation der Funktionsträger mit der Organisation zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Personalentscheidung nicht scheiterte oder sich nachteilige auswirkte, was beim Militär besonders gravierend sein konnte (militärische Niederlagen, Rebellionen von Militärführern, Soldatenmangel).

Dies führt zum letzten Fragenkomplex der Analyse, wo es darum geht, inwieweit ein Erfolg bzw. Misserfolg einer Stellenbesetzung (etwa militärische Inkompetenz oder Missbrauch der zur Verfügung gestellten militärischen Mittel) zu Konsequenzen für die Entscheider und diejenigen, welche die Posten bekleideten, führte. Wurde Erfolg/Misserfolg lediglich anhand der der Organisation inhärenten übergreifenden Ziele gemessen (im Falle des Militärs: Landesverteidigung; Machtdurchsetzung der Zentralregierung), oder existierten auch andere Maßstäbe (politische Ziele, Privatinteressen von Kaiser und Aristokratie)? In manchen Fällen lässt sich etwa erkennen, dass Generäle nach Misserfolgen entlassen wurden, in anderen Fällen scheinen gegenüber politischen Erwägungen und familiären Bindungen die eigentlichen Erfolgs/-Misserfolgskriterien der Militärorganisation in den Hintergrund getreten zu sein. Weiterhin sind Fälle belegt, in denen dem Staat die Kompetenz zur Personalentscheidung abgesprochen wurde und sich Einzelpersonen selbst zu militärischen Führern ernannten. Diese wurden vom Staat entweder verfolgt, zuweilen wurde die Personalentscheidung jedoch auch nachträglich akzeptiert und legitimiert.

Die Quellengrundlage gestaltet sich folgendermaßen: Anders, als etwa im kirchlichen Bereich, sind in Bezug auf das byzantinische Militär keine normativen Quellen zu Personalentscheidungen erhalten. Allenfalls existieren Zeremonienbücher, die die Art der Ernennung und die involvierten Amtsträger dokumentieren (De Cerim.; Pseudo-Kodinos; Assisae et leges). Informationen über Personalentscheidungen müssen daher weitgehend aus der konkreten Ernennungspraxis gezogen werden. Dazu geben historiographische Quellen die detailliertesten und mit am meisten Kontext ausgestatteten Informationen. Texte der Hofrhetorik, die meist sehr aktuell über politische Ereignisse berichteten und sich speziell dem Lob des Herrschers sowie einzelner Mitglieder der Aristokratie widmeten, können hinzugezogen werden. Diese Quellen berichten vorwiegend über hochrangige Militärs, während niedrigere Ränge seltener zu greifen sind.

Hagiographische Texte, die mehr Informationen „von unten“, d.h. aus dem Bereich der Mannschaftsgrade enthalten, können hier wichtige Informationen beisteuern (vgl. für das 8. und 9. Jh. etwa die Zusammenstellung bei Haldon 1984, 608-9). Neben den erzählenden Quellen existieren Briefsammlungen von Kaisern und hohen Amtsträgern, die ebenfalls Informationen über Personalentscheidungen liefern. Interessant ist etwa das Empfehlungsschreiben des Demetrios Kydones für einen Söldner aus der Picardie, der sich um einen Militärposten in der byzantinischen Zentralarmee bewarb (Kydones, 2, 349). Insbesondere, was die Anforderungen an die Personalauswahl angeht, sind die byzantinischen Militärhandbücher heranzuziehen, da diese Ratschläge an militärisches Führungspersonal geben, wie Truppen geführt, ausgebildet und für spezielle Aufgaben ausgewählt werden sollen (Kekaumenos, 160-1).

Neben der Vergabepraxis sowie der Formulierung von Anforderungen sind für die Analyse Informationen über die Rekrutierungspraxis, Finanzierung, Versorgung und den sozialen Status bestimmter militärischer Ämter, sowie die sozialen und ökonomischen Hintergründe der Militärangehörigen von enormer Wichtigkeit, da sie als strukturelle Faktoren sowohl die Personalentscheidungen von Seiten der Militärorganisation, als auch die Motivationen der potentiellen Kandidaten für derartige Ämter und Tätigkeiten beeinflussten. Derartige Informationen lassen sich erneut über erzählende Quellen, Briefe, Urkunden, teilweise auch Siegel, sowie nicht zuletzt über bereits vorhandene Einzelstudien, etwa zum Pronoiasystem, zum Söldnerwesen, oder zum Wirtschafts- und Finanzsystem, erlangen.

Auf methodischer Ebene steht die Auswertung prosopographischer Informationen am Beginn jeder Analyse. Mit Hilfe prosopographischer Werke sowie eigener Quellenanalyse soll zunächst eine Datenbank aus Ämtern, den sie bekleidenden Personen und Ereignissen, die mit der Erlangung oder dem Verlust des Amtes oder auch der Leistung im Amt verbunden sind, erstellt werden. Die Personalentscheidungen bzw. Amtseinsetzungen als Einzelereignisse bilden den Ausgangspunkt der Untersuchung. Durch Heranziehung aller verfügbaren Quelleninformationen sollen der Ablauf und die Umstände der Personalentscheidung sichtbar gemacht werden. Da die soziale Herkunft und die gesellschaftlichen Verflechtungen eines Kandidaten für eine Führungsposition maßgeblich dessen Chancen beeinflussten und in der Personalentscheidung durch direkte Intervention von Fürsprechern oder indirekt wirksam werden konnten, ist es sinnvoll, in diesem Zusammenhang den familiären und personalen Bindungen des bzw. der Kandidaten nachzugehen. Für derartige Untersuchungen ist das Instrument der Netzwerkanalyse ein nützliches Hilfsmittel.

Als theoretischer Hintergrund spielen Organisationssoziologie und Systemtheorie eine wichtige Rolle für die angestrebte Untersuchung. Diese Forschungsrichtungen widmen sich der Erklärung und Gestaltung bzw. Steuerung von Organisationen. Damit verbunden sind Fragen nach den Zielen von Organisationen, ihrem Nutzen, ihrem Zustandekommen und Überleben, der Rekrutierung und Erneuerung, ihren internen Zielsetzungen sowie den Funktionen für die Gesellschaft (Preisendörfer 2011, 11-3). Zu diesem Bereich gehört auch die Forschung zu modernem Personalmanagement, die sich mit Themen wie Motivation, Führung („Leadership“) und Personalrekrutierung beschäftigt.

Diese Ansätze stellen Analyseinstrumente, Fragestellungen und einen Begriffsapparat zur Verfügung, die die Untersuchung der Quellen leiten können. Sowohl lässt sich die byzantinische Armee als Organisation begreifen, die einer internen Logik folgt und gleichzeitig extern beeinflusst wird, als auch kann man die gesamte byzantinische Gesellschaft als System analysieren, das aus verschiedenen, miteinander in Wechselwirkung stehenden Teilsystemen besteht. Die letztere Perspektive ermöglicht eine Betrachtung der Armee im Kontext verschiedener weiterer gesellschaftlicher Interessengruppen mit jeweils eigenen Zielen, die in verschiedenem Maße Einfluss ausüben, unter anderem auf die Personalentscheidungen. Die in der Organisationsforschung angestellten Überlegungen zu Prozessen der Entscheidungsfindung helfen dabei, entsprechende Prozesse der Personalauswahl im Militärapparat einzuordnen und zu erklären. An Studien zur Organisationssoziologie, Systemtheorie und Personalmanagement existiert ein breites Angebot verschiedener Ansätze. Naturgemäß beziehen diese sich meist auf moderne Organisationen, insbesondere in Wirtschaft und Politik. Allerdings lassen sich einige der Ansätze durchaus auf Organisationen in vormodernen Gesellschaften, wie etwa das byzantinische Militär, adaptieren.