Sonderforschungsbereich 1095

Link zur neuen Homepage

www.sfb1095.net


SFB 1095 "Schwächediskurse und Ressourcenregime"

Forschungsgegenstand

Die Frankfurter Geisteswissenschaftler haben am 1. Januar 2015 ein Großvorhaben gestartet: Bis 2018 stehen Historikern, Ethnologen und Rechtshistorikern insgesamt mehr als 6 Millionen Euro zur Verfügung, um ein globalhistorisches Problemfeld auszuleuchten, das von der Antike bis in die Gegenwart reicht. Der neue Sonderforschungsbereich arbeitet unter dem Namen SFB 1095 Schwächediskurse und Ressourcenregime. Etwa 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in den kommenden vier Jahren in diesem Forschungsverbund zusammenarbeiten, darunter etwa 35 Nachwuchsforscherinnen und -forscher.

Worum geht es in dem SFB? Ein Beispiel: Der Zeithistoriker Prof. Dr. Christoph Cornelißen will sich mit der Debatte über den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang Europas beschäftigen, der sich durch das ganze 20. Jahrhundert zog. Unterschiedliche Akteure – Politiker, Wirtschaftsvertreter, Publizisten und Wissenschaftler – fürchteten um die Stellung Europas in der Welt, fortschreitende Amerikanisierung oder die gelbe Gefahr sind nur zwei Stichworte. Europa sei dem wachsenden Druck auf den weltweiten Märkten nicht mehr gewachsen, auch im internationalen Bildungsranking verliere es an Boden. In den Diskursen über die Schwächen mischten sich regelmäßig Appelle, sämtliche vorhandene Ressourcen von Menschen, Rohstoffe, Organisationen bis zu Ideen zu mobilisieren. Um den Niedergang Europas aufzuhalten, sollten neue politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnungen begründet werden. Dies beflügelte die Ideen von der Einheit Europas. Dies ist zunächst nur eine grobe thesenhafte Skizze, nun geht es darum die unterschiedlichen Akteure unter die Lupe zu nehmen und genauer zu begründen, wie sich aus Schwächen Ressourcen entwickeln können.

„Solchen Schwächediskursen begegnet man allenthalben. Viel erörterte Beispiele sind das spätantike Rom oder das China des 19. Jahrhunderts. Aber auch an ganz anderes kann man denken, so an zunächst schwache Wissensbestände, die sich durchsetzen, wie die beginnende Materialwirtschaft des frühen 20. Jahrhundert“, erläutert der Sprecher des neuen Sonderforschungsbereichs, Prof. Dr. Hartmut Leppin. „Wir versprechen uns ein hohes Erkenntnispotenzial davon, dass wir für so scheinbar weit auseinander liegende Themen auf einer angemessenen Abstraktionsebene einen Vergleich vornehmen können.“ Bei den Defizitdiagnosen werden die Wissenschaftler auch immer im Auge behalten, wie die Selbstwahrnehmung der Akteure ist und wie diese aus der Entfernung wahrgenommen werden.

Dass aus den Schwächen auch Stärken werden können, zeigt sich oft, wenn der Diskurs über die Schwächen die Suche nach Ressourcen mobilisiert. Dieses Wechselspiel ist für die Forscher von Interesse. Im Verständnis der Frankfurter Geisteswissenschaftler sind Ressourcen nicht gleichzusetzen mit Rohstoffen: „Uns interessiert vielmehr, was es bedeutet, wenn man einen Mangel an Rohstoffen wahrnimmt und sich daraus ein Schwächediskurs entwickelt, dann aber Ausschau nach anderen Ressourcen gehalten wird“, sagt Leppin. Je nach Teilprojekt geht es um ganz unterschiedliche Ressourcen: Wissen, Verwandtschaft, Heiligkeit, Nationalismus, Information, ökonomisches Kalkül – um nur einige zu nennen. „Das weite Spektrum der Ressourcen kann nur aus ganz unterschiedlichen disziplinären und zeitlichen Perspektiven behandelt werden. Wir zielen auf den Vergleich zwischen Kulturen und Epochen, um die Ergebnisse anschließend auch in höherem Maße verallgemeinern zu können“, so der SFB-Sprecher. Um den starken historischen Kern gruppieren sich Ethnologen und Rechtshistoriker, hier in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte.

Die kooperierenden Wissenschaftler wollen auch eine Annäherung zwischen der europäischen und der Geschichte insbesondere Ost- und Südostasiens sowie Iberoamerikas schaffen. Dazu ein Beispiel: Die Ethnologin Prof. Dr. Susanne Schröter will sich unter anderem der Frage zuwenden, warum sich westliche Organisationsmodelle, wie das staatliche Gewaltmonopol, in vielen postkolonialen Ländern kaum durchsetzen lassen. Untersucht werden soll dies insbesondere in Indonesien und auf den Philippinen – welche Ressourcen setzen dort beispielsweise indigene Gruppen frei, die sich der nationalstaatlichen Kontrolle entziehen? Besitzen die akephalen Völker vielleicht trotz ihrer politischen Schwächen bislang wenig vergegenwärtigte Stärken, ist ihr Verhalten „vernünftiger“ als das derjenigen, die staatliche Ordnungen hervorgebracht oder sich bereitwillig in solche eingegliedert haben? Auf derartige Fragen suchen die Ethnologen vor Ort Antworten.

Mit der geisteswissenschaftlichen Perspektive wollen die Mitwirkenden in dem Sonderforschungsbereich zur Selbstreflexion der heutigen Gesellschaft beitragen. „Denn die Frage nach dem Umgang mit Ressourcen, ihrer Knappheit, ihrer Schonung wird in teils sehr erregten, politisch wirkungsmächtigen Schwächediskursen geführt. Das wissen wir spätestens seit dem berühmten Bericht des Club of Rome von 1972“, erläutert Leppin. „Der Mangel an Ressourcen scheint mir eine ganz zentrale Herausforderung der Gegenwart zu sein. Dabei darf der Blick nicht auf die materiellen Ressourcen verengt werden.“ Stellvertretende Sprecher des SFB 1095 Schwächediskurse und Ressourcenregime sind neben Prof. Dr. Susanne Schröter noch der Sinologe Prof. Dr. Iwo Amelung und der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Moritz Epple.

Eine Übersicht über die Teilprojekte finden Sie hier.