Dr. Andreea Badea

Wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Kollegforschungsgruppe "Polyzentrik und Pluralität Vormoderner Christentümer"

Wahrheitsanspruch und Wissensautorität. Die römische Kurie und die Geschichte der Kirche um 1700

Das Projekt ist im Bereich der Wissensgeschichte angesiedelt und untersucht Praktiken der historiographischen Selbst- und Fremdinszenierung innerhalb nachtridentinischer Katholizismen (1665–1735). Es fokussiert vor allem auf das Ringen um die Durchsetzung der jeweils eigenen geschichtlichen „Wahrheit“ innerhalb ein und desselben Denkkollektivs (Ludwik Fleck), das den Anspruch erhob, weder diskursive Polemik noch Dissens zu erlauben, sondern stets Universalität und Einheit nach innen wie außen kommunizierte. Für die Studie wird der gelehrte Streit zwischen Konfrontation, Dissimulation und Anpassung im gleichen Maße wie die Bürokratisierung der Kontrollmechanismen durch die Kurie in den Blick genommen.

Dass Geschichte mehr war als erklärendes Beiwerk in den theologischen Debatten frühneuzeitlicher Konfessionskulturen geriet erst in den letzten dreißig Jahren ins Blickfeld der internationalen Forschung. Ausgehend von der Selbständigkeit der Geschichtsschreibung als „gelehrtes Tun“ (Sawilla) wird vorausgesetzt, dass die damit einhergehende Professionalisierung der Gelehrten einen Expertenhabitus generierte, der sich an dem vom nachtridentinischen Rom propagierten Einheits- und Universalitätsnarrativ rieb. Die These ist, dass sich auch über die Geschichtsschreibung eine Vielzahl von Katholizismen und wie auch immer verstandene katholischen Identitäten im Europa des späten 17. Jahrhunderts ausbreiteten. Die auf Zentralisierung bedachte Kurie in Rom konnte ihnen jedoch weniger durch harte Durchsetzung, sondern eher durch die Inszenierung von Einheitlichkeit und die Verschleierung von Divergenzen Einhalt gewähren. Historiographische Werke erfreuten sich einer großen Leserzahl und wurden nicht nur im hermetisch geschlossenen Kreis der Gelehrten diskutiert, wie es bei vielen naturwissenschaftlichen Arbeiten der Fall gewesen war. Indem sie sich stets zwischen Kritik und Beweis der jeweiligen Wahrheit eines bestimmten Ereignisses, der evozierten Quellen und ihres faktischen Nachweises bewegten, entwickelten frühneuzeitliche Historiographen einen durch ihr Wissen gestützten Auslegungsanspruch, den sie habituell inkorporierten und der sie in ihrem Widerstand gegen die Kurie, gegen ihre Zensurinstanzen und gegen die von ihr eingeforderte Dogmentreue stärkte.

Das Projekt ist in drei großen Abschnitten gegliedert:

(1) Der erste Abschnitt fokussiert auf die Handlungsräume römischer Dikasterien in Anbetracht der als häretisch gebrandmarkten Varianten innerhalb der katholischen Geschichtsschreibung. Dieses Kapitel stellt des Weiteren die Frage nach der politischen und religiösen Relevanz, die den Büchern jeweils von der Obrigkeit und den zeitgenössischen gelehrten Instanzen wie beispielsweise Zeitschriften beigemessen wurde. Der Schwerpunkt liegt hier maßgeblich auf der Breitenwirkung der untersuchten Bücher. Dabei werden die unterschiedlichen Lesendengruppen ausschließlich aus römischer Perspektive, und zwar als zu schützende, zu disziplinierende, zu kontrollierende Gläubige betrachtet. Davon ausgehend wird die Rolle der Kurie beim propagandistischen Wettstreit mit anderen katholischen Obrigkeiten untersucht. So gesehen, wirkt die Anwendung der Zensur unter Berücksichtigung ihrer göttlichen Dimension fast wie ein unlauteres Instrument des Papstes im Kampf um die Gunst einer noch sehr diffusen „Öffentlichkeit“.

(2) Die Klammer, die Historiographie und Propaganda zusammenbrachte, war oft der Auftraggeber. Im 17. Jahrhundert hatten alle königlichen Häuser amtliche oder zumindest offiziöse Geschichtsschreiber. Im zweiten Kapitel wird diesem Phänomen in Rom nachgegangen und eine Antwort auf die von der Forschung immer wieder aufgeworfene Frage nach der Abwesenheit einer offiziellen römischen Geschichtsschreibung gegeben. Das Fehlen eines offiziellen Historiographen führte zur Vervielfältigung der Geschichtsbilder in den kurialen Dikasterien. Einerseits geht es hier um die Rolle einzelner Akteure in der Inszenierung einer vermeintlich unabhängigen Geschichtsschreibung, andererseits um die juristische und dogmatische Dimension römischer Handlungsräume, genauer um die Zensur katholischer Historiographie.

(3) Die so aufgeworfene Frage nach dem Zensurverfahren kann aufgrund der breiten Quellenmasse gut beantwortet werden. Im Mittelpunkt steht die Untersuchung frühneuzeitlicher Zensurverfahren und Professionalisierungs- und Institutionalisierungsprozesse der kurialen Zensur sowie die Beschäftigung der kurialen Amtsleute mit den hochprofessionalisierten Geschichtsschreibern und deren Anspruch auf Deutungshoheit über die Vergangenheit. Abschließend werden die römischen Strategien in den Blick genommen, die es ermöglichten, die spätestens seit dem 16. Jahrhundert stattgefundene Entkoppelung der Geschichte aus ihrer ekklesiologischen Hilfswissenschaftenfunktion zu ignorieren und zu überspielen.
  • seit 07.2021: Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der DFG-Kollegforschergruppe "Polyzentrik und Pluralität Vormoderner Christentümer (POLY)"
  • 07.2018-06.2021: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt FOR 1219 Personalentscheidungen bei gesellschaftlichen Schlüsselpositionen
  • 04-05.2018:
    Fellow am Netherlands Institute for Advanced Study als Mitglied der Descartes-Theme-Group “Borders and the Transfer of Knowledge"
  • SoSe 2015:
    Gastprofessorin an der Universität Hamburg als Vertretung von Prof. Dr. Markus Friedrich
  • 01.2013-06.2018:
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut in Rom
  • SoSe 2010:
    Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Duisburg-Essen
  • 01.2008–12. 2012:
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Römische Inquisition und Indexkongregation in der Neuzeit“ des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
  • 2007:
    Promotion an der Universität Bayreuth
  • 2006-2009: Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Bayreuth
  • 1997-2002:
    Studium der Geschichte der Frühen Neuzeit, Mittelalterlichen Geschichte und Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth
  • Wissensgeschichte, Historiographiegeschichte
  • Medien und Öffentlichkeit, Geschichte der Buchzensur
  • Konfessionalität und religiöser Dissens
  • Transregionale gelehrte Netzwerke
  • Verwaltungs- und Institutionengeschichte in kulturalistischer Perspektive
I. Monografie
  • Kurfürstliche Präeminenz, Landesherrschaft und Reform. Das Scheitern der Kölner Reformation unter Hermann von Wied (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, 154), Münster 2009.
II. Herausgeberschaften
  1. Mit Nadine Amsler, Christian Windler und Bernard Heyberger (Hrsg.): Catholic Missionaries in Early Modern Asia: Patterns of Localisation, London 2019.
  2. Mit Bruno Boute, Marco Cavarzere und Steven Vanden Broecke (Hrsg.): Making Truth in Early Modern Catholicism (Scientiae Studies 1), Amsterdam 2021.

Mitherausgeberin der Zeitschrift Lias. Journal of Early Modern Intellectual Culture and its Sources

III. Grundlagenforschung
  • Mit Jan Dirk Busemann und Volker Dinkels: Systematisches Repertorium zur Buchzensur 1701–1813, Teil 1: Indexkongregation, (Römische Inquisition und Indexkongregation. Grundlagenforschung: 1701–1813, hg. von Hubert Wolf, Paderborn 2009.
IV. Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden
  1. Consulteurs des congrégations romaines et ordres religieux, in: Albrecht Burckardt, Alexandra Roger (Hrsg.), L'exception et la Règle. Les pratiques d'entrée et de sortie des couvents, de la fin du Moyen Âge au XIXe siècle, Limoges: Presses universitaires de Rennes 2022, S. 209−219.
  2. Kritik an der kurialen Personalpolitik im 18. Jahrhundert – Der Predigerorden an den Schaltstellen romischer Macht oder wie ein Jesuit sich selbst zensieren musste, in: Vom Konklave zum Assessment-Center: Personalentscheidungen im historischen Wandel, hg. von Andreas Fahrmeir, Christoph Cornelißen, Darmstadt 2021, S. 142-159.
  3. Mit Muriel Favre und Annika Klein, Meritokratie und Diversität, in: Vom Konklave zum Assessment-Center: Personalentscheidungen im historischen Wandel, hg. von Andreas Fahrmeir, Christoph Cornelißen, Darmstadt 2021, S. 257-264.
  4. Ein guter Hirte und Bürokrat oder: Was macht einen kompetenten Bischof aus? Elitenrekrutierung als Zweck der römischen Verwaltungsreform im späten 17. Jahrhundert, in: ZHF 48/2 (2021), S. 263-294.
  5. Credibility of the Past: Writing and Censoring History within Seventeenth-Century Catholicism, in: Dies., Bruno Boute, Marco Cavarzere und Steven Vanden Broecke (Hrsg.), Making Truth in Early Modern Catholicism (Scientiae Studies 1). Amsterdam University Press, Amsterdam 2021, S. 191-210.
  6. Mit Bruno Boute, Marco Cavarzere und Steven Vanden Broecke: A Product's Glamour. Credibility, or the Manufacture and Administration of Truth in Early Modern Catholicism, in: Dies. (Hrsg.), Making Truth in Early Modern Catholicism (Scientiae Studies 1). Amsterdam University Press, Amsterdam 2021, S. 7-38.
  7. Nach bestem Wissen ein schlechtes Gewissen? Selbstanzeigen bei der Römischen Inquisition und die Vergabe von Leselizenzen im 17. und 18. Jahrhundert, in: Cecilia Cristellon, Luise Schorn-Schütte (Hrsg.), Grundrechte und Religion in Europa der Frühen Neuzeit (16.-18. Jh.), (Schriften zur politischen Kommunikation, 24), Göttingen: V&R Unipress 2019, S. 133-147.
  8. Localizing Catholic mission in Asia, Introduction, zusammen mit Nadine Amsler, Bernard Heyberger und Christian Windler, in: Dies. (Hrsg.), Catholic Missionaries in Early Modern Asia. Patterns of Localization (Religious Cultures in the Early Modern World), London 2019, S. 1-11.
  9. “Die Häretiker aber gönnen sich nun allerfeierlichstes Gelächter“ oder wer entscheidet über den Heiligenhimmel? Kuriale Überlegungen zum Absolutheitsanspruch Roms im späten 17. Jahrhundert, in: Mona Garloff, Christian Witt (Hrsg.), Confessio im Konflikt. Religiöse Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Frühen Neuzeit. Ein Studienbuch (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz,129), Göttingen 2019, S. 235-253.
  10. Nel ordine del Re Sole. Storiografia tra propaganda e censura nel tardo Seicento, in: Alejandro Cifres (Hg.), L'Inquisizione romana e i suoi archivi. A vent'anni dall'apertura dell'ACDF (Memoria Fidei IV), Rom 2019, S. 245–254.
  11. Hiermit bewerbe ich mich um die Stelle als… Francesco Bianchini und seine „Istoria Universale“ zwischen Gelehrsamkeit und kurialem Amt, in: Markus Friedrich, Jacob Schilling (Hg.): Praktiken frühneuzeitlicher Historiographie (Cultures and Practices of Knowledge in History, 2), Berlin 2019, S. 173–193.
  12. Chi deve confutare Sarpi? Scrivere storia nella Roma del Seicento, in: Cristianesimo nella Storia 37 (2016), S. 467–498.
  13. Zwischen Dissimulation und Disziplinierung. Neue Literatur zur Geschichte der Buchzensur auf der italienischen Halbinsel. Ein Überblick, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 95 (2015), S. 385–396.
  14. Deutungshoheit über Trient? Das Konzil und die Kontrolle der Geschichtsschreibung im 17. Jahrhundert, in: Peter Walter, Günther Wassilowsky (Hg.), Das Konzil von Trient und die katholische Konfessionskultur (1563–2013) (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, 163), Münster 2016, S. 83–106.
  15. Praktiken der römischen Bücherzensur im 17. und 18. Jahrhundert. Zur Einführung, in: Arndt Brendecke (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure - Verfahren - Artefakte (Frühneuzeit-Impulse 3), Köln, Weimar, Wien 2015, S. 338–343.
  16. Über Bücher richten? Die Indexkongregation und ihre Praktiken der Wissenskontrolle und Wissenssicherung am Rande gelehrter Diskurse, in: Arndt Brendecke (Hg.) Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure - Verfahren - Artefakte (Frühneuzeit-Impulse 3), Köln, Weimar, Wien 2015, S. 354–367.
  17. Von Klio verstoßen. Praktiken der Abgrenzung in der Historiographie im späten 17. Jahrhundert, in: Martin Mulsow, Frank Rexroth (Hg.): „Was als wissenschaftlich gelten darf? Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne“ (Capus Historische Studien 79). Frankfurt a. M. 2014, S. 187–210.
  18. (Heiligen-)Geschichte als Streitfall. Die Acta sanctorum und Mabillons Epistola de cultu sanctorum ignotorum und die römische Zensur, in: Thomas Wallnig, Thomas Stockinger, Ines Peper, Patrick Fiska (Hg.): Europäische Geschichtskulturen um 1700 zwischen Gelehrsamkeit, Politik und Konfession, Berlin 2012, S. 377–402.
  19. Geschichte schreiben über die Renaissancepäpste. Römische Zensur und Historiographie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Hubert Wolf (Hg.): „Inquisition und Buchzensur im Zeitalter der Aufklärung“ (Römische Inquisition und Indexkongregation 16), Paderborn 2011, S. 278–303.
  20. „Es trieb ihn längst zum Krieg in der Unruhe seines Geistes“. Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach und der Fürstenaufstand, in: Martina Fuchs, Robert Rebitsch (Hg.): Kaiser und Kurfürst: Aspekte des Fürstenaufstandes 1552. Der Anfang vom Ende einer universalistischen Herrschaftskonzeption (Geschichte in der Epoche Karls V, 11), Münster 2010, S. 99–117.
  21. ... eorum capita sacra fiunt. Notorietät und Reichsacht im 16. Jahrhundert, in: Oliver Ruf (Hg.): Ästhetik der Ausschließung. Ausnahmezustände in Geschichte, Theorie, Medien und literarischer Fiktion, Würzburg 2009, S. 67–81.
  22. Philipp von Hessens Ringen um die Kölner Reform. Kurfürst Hermann von Wied in der Politik des Schmalkaldischen Bundes, in: Frühneuzeit-Info 19 (2008), S. 24–37.
  23. Die Übertragung der Notorietät in die Rechtspraxis des Reiches, in: Vanessa Duss, Nikolaus Linder, Katrin Kastl, Christina Börner, Fabienne Hirt, Felix Züsli (Hg.): Rechtstransfer in der Geschichte (Jahrbuch Junge Rechtsgeschichte 1), München 2006, S. 25–43.
V. Kleinere Beiträge
  1. Gilles, Antoine, in: Personen und Profile 1542-1700, bearbeitet von Jyri Hasecker und Judith Schepers (Römische Inquisition und Indexkongregation. Grundlagenforschung: 1542-1700, hrsg. von Hubert Wolf), Paderborn u.a. 2020, S. 743-745.
  2. Fabretti, Raffaele, in: Personen und Profile 1542-1700, bearbeitet von Jyri Hasecker und Judith Schepers (Römische Inquisition und Indexkongregation. Grundlagenforschung: 1542-1700, hrsg. von Hubert Wolf), Paderborn u.a. 2020, S. 603-610.
  3. Ciampini, Giovanni Giustino, in: Personen und Profile 1542-1700, bearbeitet von Jyri Hasecker und Judith Schepers (Römische Inquisition und Indexkongregation. Grundlagenforschung: 1542-1700, hrsg. von Hubert Wolf), Paderborn u.a. 2020, S. 463-468.
  4. Katakombenheilige, in: Alfried Wieczorek, Christoph Lind, Uta Coburger (Hg.), Barock. Nur schöner Schein? (Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 71), Regensburg 2016, S. 167.
VI. Rezensionen

in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Zeitschrift für historische Forschung, Revue d'Histoire Ecclesiastique, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Sehepunkte, Historische Zeitschrift, Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Theologische Revue, Annuarium Historiae Conciliorum, Frühneuzeit-Info,  Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte

Kontakt

Dr. Andreea-Bianca  Badea
Norbert-Wollheim-Platz 1
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Tel: 069/798-32600
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