PD Dr. Elke Morlok

Kabbala als Transferparadigma zwischen Judentum und Christentum

Níels Páll Eggerz / Elke Morlok

Teilprojekt des DFG-Schwerpunktprogramms 2357: Jüdisches Kulturerbe

https://spp-juedisches-kulturerbe.de/

Ziel des Projekts ist eine umfassende (Re-)Integration der christlichen Kabbala in die europäische Geistesgeschichte, indem die jeweiligen Projektionen auf die Kabbala und das Judentum im Allgemeinen sowie deren historische Entwicklungen detailliert herausgearbeitet werden. Es verfolgt damit eine grundlegende Neuordnung dieses Forschungsfeldes. Dabei betrachten wir die christliche Auseinandersetzung mit der Kabbala als Schlüsselphänomen für das Verständnis der verschiedenen frühneuzeitlichen Zugänge zu jüdischen Traditionen und Schriften als immaterielles Kulturerbe zwischen Judentum und Christentum. Nachdem sie die Abhängigkeit von jüdischen Informanten überwunden hatten, entwickelten christliche Gelehrte eigene, wirkmächtige Vorstellungen von Kabbala. Diese –und damit auch die jeweiligen Aneignungen – unterschieden sich je nach Konfession und wurden oft in innerchristlicher oder innerkonfessioneller Polemik instrumentalisiert ­– meist begleitet von einer weitgehend sinnentleerten missionarischen Rhetorik. Darüber hinaus war die christliche Beschäftigung mit der Kabbala mit politischen Überlegungen verschiedener Herrscher verflochten, die christliche Kabbalisten in ihren Widmungen und Vorreden direkt ansprachen. Die komplexe Dynamik der Entstehung und Entwicklung der christlichen Kabbala war so einflussreich, dass sie bis heute sowohl die christlichen als auch die jüdischen Vorstellungen von Kabbala prägt – ebenso wie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit derselben. Die Entfaltung dieses vielschichtigen Transformationsprozesses von der jüdischen zur christlichen Kabbala und wieder zurück ins Judentum als Teil der europäischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte ist Gegenstand dieses Projekts. Es leistet damit einen Beitrag zur jüdisch-christlichen Ideengeschichte, Judaistik, Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft, frühneuzeitlichen Geschichte und zu den verschiedenen christlichen Theologien. Darüber hinaus bietet es einen Ausgangspunkt für weitere Forschungen zu Fragen des interkulturellen und interreligiösen Austauschs.