Magistri Militum im 6. Jahrhundert

Das Projekt untersucht die führenden Militärführer des 6. Jahrhunderts. Dazu werden die magistri militum mit einem unabhängigen Kommando und andere Amtsträger, die ein eigenständiges militärisches Kommando innehatten, gezählt. Anders als in der ersten Phase, die sich mit der Bestellung der höchsten kirchlichen Ämter und der Signifikanz dieser Personalentscheidungen für die beteiligten Akteure beschäftigte, sollen die Militärs im Hinblick auf ihr Scheitern, den Umgang damit und die Darstellung in den Quellen näher beleuchtet werden – zentral ist dabei die Frage, ob ein solcher Militär abgesetzt und wie er ersetzt wurde. Das Scheitern soll über den rein militärischen Aspekt im Sinne einer Niederlage in einer Feldschlacht oder einer erfolglosen Belagerung hinaus definiert werden. Schon eine kursorische Durchsicht der Lemmata in der Prosopography of the Later Roman Empire zu den magistri militum und anderen militärischen Entscheidungsträgern zeigt, dass andere Aspekte eine große Rolle für ihre Karrieren spielen konnten. Es konnte passieren, dass eine erfolgreiche militärische Laufbahn aufgrund von politischen Erwägungen des Kaisers oder seiner Berater beendet wurde. Das konnten eine mangelnde Loyalität gegenüber den kaiserlichen Befehlen, eine Gefährdung für die Stellung des Kaisers (Risiko einer Usurpation) oder der falsche Umgang mit den Verbündeten des Reiches sein. Somit würde es sich empfehlen, das Scheitern bei hochrangigen Militärs als das Ende ihrer Karriere oder als schwerwiegende Brüche in dieser aufzufassen. Dabei gilt es die Faktoren, die zum Ende oder zur Unterbrechung einer Laufbahn führten, herauszuarbeiten und im Hinblick auf die Semantiken in den Quellen und Entwicklungen im Reich zu untersuchen. Einschlägige Diskurse oder Diskurselemente sollen aus den Texten herausgeschält werden, um so ein Bild von legitimen Personalentscheidungen zu gewinnen. Außerdem sollen Veränderungen dieser Diskurse im Laufe des 6. Jahrhunderts aufgespürt werden und so zu einem tieferen Verständnis dieser Epoche beitragen.
Für die Karrieren spätantiker Militärs liegen keine ‚Akten‘ vor, mit denen man sie nachvollziehen könnte, auch keine Gesetze, die reguläre Avancements festlegen; dass Verdienst den Ausschlag geben sollten, war klar, ebenso, dass die Entscheidung letztlich beim Kaiser liegen musste. Man ist sowohl für die empirischen als auch für die normativen Probleme auf die Beschreibung in literarischen Quellen und in vereinzelten Inschriften angewiesen, die sehr unterschiedliche Interpretationsprobleme aufwerfen. Besondere Aufmerksamkeit genießen in den Quellen nämlich nicht die normalen Karrieren, sondern die schnellen oder die gescheiterten. Gerade Karriereknicke werden nicht selten der Willkür des Kaisers oder seiner Berater, namentlich der der Kaiserin, zugerechnet. Doch bleiben die Gründe für die Entwicklung von Karrieren gerade exponierter Persönlichkeiten oft im Dunkeln, da die Entscheidungsprozesse beim Hof, im Consistorium oder in der persönlichen Umgebung des Kaisers schon zeitgenössischen Autoren nicht zugänglich waren. Was sich feststellen lässt, ist, welche Karriereverläufe als regulär galten und welche Rechtfertigungen für Beförderungen oder aber Herabstufungen anerkannt waren. Daraus lässt sich erschließen, was als normal galt, auch wenn dies kaum einmal explizit geschildert wird. Schwieriger, nachgerade unmöglich ist die Rekonstruktion der Entscheidungsprozesse im Einzelnen, da die internen Vorgänge um den Kaiser herum nicht dokumentiert, sondern nur in der Perzeption der Autoren literarischer Quellen zugänglich sind. Dies bedeutet für die Projektarbeit eine Konzentration auf die Semantik der Entscheidungsprozesse, wobei oft polemische oder moralisierende Untertöne greifbar sind. Man wird angesichts dieser Quellenlage gleichwohl Legitimitätserwartungen zumindest bestimmter Milieus gut greifen können, aus der Beschreibung des Verhaltens der Soldaten in manchen Fällen Rückschlüsse auf deren Erwartungen schließen können.
In nicht wenigen Fällen finden sich – und hier sind besonders weitreichende Erkenntnisse zu erwarten – bei der Erörterung von einzelnen Entscheidungen unterschiedliche Akzentuierungen, selbst innerhalb des Oeuvres eines Autors wie Prokop, der in seinen Geheimgeschichten die Angaben seiner Kriegsgeschichten bewusst korrigiert. Eben aus der so erschließbaren Diskussion darüber, welche Entscheidungsgründe und Verfahren (etwa Einbeziehung des Urteils der Kaiserin oder nicht) in den Augen Prokops bzw. seines Publikums als legitim oder als illegitim galten, lassen sich dann Schlüsse auf die Institutionalisierung des Verfahrens und auf die Praxis im konkreten Fall ziehen, ebenso auf Entscheidungsgründe, die innerhalb der Eliten als angemessen angesehen wurden oder eben nicht. Weniger Aufschluss versprechen die zeitnahen militärischen Traktate, namentlich den Anonymus des 6. Jahrhunderts und das (nachjustinianische) Strategikon des Pseudo-Maurikios, da diese vornehmlich der Rekrutierung der Mannschaften sowie strategischen und taktischen Fragen eine größere Aufmerksamkeit widmen.
Bei der Ausrichtung auf die Semantiken wird es nicht drauf ankommen, eine möglichst große Zahl von Karrieren und der dabei ausschlaggebenden Personalentscheidungen aufzuarbeiten; vielmehr ist eine Konzentration auf hochrangige Militärs, mithin einige magistri militum und die Gründe für deren Absetzung, angestrebt. In einem ersten Schritt soll die am besten bezeugte, hochberühmte, aber nicht wirklich gut erforschte Gestalt erörtert werden: Belisar , der eine extrem wechselhafte Karriere erlebte, die ihn als einen Mann jedenfalls nicht hoher Herkunft, der dem Kaiser nahestand, an die Spitze des Heerwesens führte. Doch verlor er zeitweise die Gunst des Kaisers und ertrug schlimme Erniedrigungen, die in zahlreichen, sehr unterschiedlichen Quellen geschildert werden. Die ausführlichen, teils widersprüchlichen Äußerungen werden es erlauben, verschiedene Semantiken, vielleicht auch Alternativen zu den anerkannten Semantiken zu erschließen; so spielt in den Anékdota Prokops die Geschlechteridentität eine besondere Rolle, die Belisar als zu wenig männlich für sein Amt erscheinen lässt.
Außer Belisar ist eine Reihe weiterer, weniger bekannter Militärs recht gut bezeugt, die eine nähere Analyse verdienen. Gedacht ist gegenwärtig an die folgenden: für die Zeit Justinians Bessas als Feldherr fremder Herkunft , der eine lange und wechselvolle Karriere gemacht hat; Martin, der anscheinend eine unspektakuläre, aber durchaus erfolgreiche Karriere durchlief, aber am Ende gestürzt wurde . Für die Herrschaft Kaiser Justins II. bieten sich Justin und Markian an, die beide der Familie des Kaisers entstammten und vermutlich wegen dieser familiären Verbindung von ihren Ämtern enthoben wurden. Desweiteren sind die Militärs aus der Zeit von Kaiser Maurikios interessant, die anscheinend einen recht stabilen Pool von Kommandeuren bildeten und trotz gelegentlich mangelnder Loyalität und militärischen Misserfolgen immer wieder in die höchsten militärischen Ämter berufen wurden. Dazu gehörte Philippikos , der sich mehrmals der Illoyalität schuldig gemacht hatte, aber trotzdem immer wieder hohe Kommandos erhielt und seine militärische Laufbahn unter Kaiser Herakleios zunächst fortsetzen konnte. Eine weitere Persönlichkeit aus der Zeit des Maurikios ist Priskos , der ebenfalls Brüche in seiner Karriere erlebte, aber unter dem Kaiser Phokas eine wichtige Stellung einnehmen konnte. Bei Priskos würde es sich lohnen, seine Verbindungen zum Usurpator Phokas näher zu untersuchen. Selbstverständlich können sich im Laufe der Forschung Änderungen in der Liste ergeben. Auf jeden Fall hat sie das Potential, ein facettenreiches Bild der Semantik von Personalentscheidungen bei Militärs sehr unterschiedlichen Profils entstehen zu lassen.
Neben den Karriereverläufen erscheint es lohnenswert, die zugrundeliegenden Mechanismen näher zu beleuchten. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Veränderungen in den Strukturen militärischer Laufbahnen unter den einzelnen Kaisern zu legen. Dieser Aspekt soll von Anfang an bei der Bearbeitung einzelner Persönlichkeiten eine wichtige Rolle spielen. Eine rein prosopographische Arbeit ist nicht geplant, da sie angesichts der Existenz der Prosopography of the Later Roman Empire redundant erscheint. Allerdings gilt es die dort angegebenen Daten kritisch zu überprüfen und mit den neuesten Forschungsergebnissen in Einklang zu bringen. Den Hauptteil der Projektarbeit soll aber die Beschäftigung mit einzelnen hochrangigen Militärs im Hinblick auf Karriereknicke und Absetzungen ausmachen. Ziel ist dabei, Praktiken und Semantiken offenzulegen, die für die Eliten des 6. Jahrhunderts galten. Die Eliten werden hier betont, weil die Autoren unserer Quellen meist diesen Eliten entstammten und sich innerhalb der Elite bewegten. Auch die ranghohen Militärs müssen zur Elite des Reiches gezählt werden, wenngleich viele von ihnen keinen aristokratischen Familienhintergrund gehabt haben. In diesem Zusammenhang wäre auch zu prüfen, ob Veränderungen in der sozialen Herkunft der Kommandeure zu Veränderungen in der Wahrnehmung ihrer Karrieren führten. Eine weitere Fragestellung, die an den sozialen Aspekt geknüpft ist und sich aus der Forschungsarbeit ergeben könnte, bezieht sich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Mobilität auf der Karriereleiter im Militär des 6. Jahrhunderts (sowohl nach oben als auch nach unten) und der sozialen Herkunft der Amtsträger. Darüber hinaus sollte das Verhältnis der Befehlshaber untereinander untersucht und mögliche Einflüsse auf ihre Laufbahnen aus diesen horizontalen Verbindungen herausgearbeitet werden. Zu denken ist hierbei an Konkurrenz um die höchsten Posten und den Umgang damit. Als Beispiel wäre hier Philippikos zu nennen, der 588 kurz vor seiner Absetzung das Heer gegen den Kaiser Maurikios und seinen Nachfolger im Kommando, Priskos, aufbrachte und eine Rebellion der Truppen bewirkt hat.
Die Semantiken des Scheiterns hoher militärischer Führer in den literarischen Quellen verdienen ebenfalls eine tiefer gehende Untersuchung. Dafür können die klassizisierenden Historiographen Prokopios, Agathias und Theophylaktos Simokates herangezogen werden, aus deren Werken man Einstellungen innerhalb der Elite herausarbeiten kann. Interessant scheint dabei eine Gegenüberstellung der Werke über die Zeit Justinians (Prokopios und Agathias) mit dem Werk von Theophylaktos Simokates, der über die Zeit des Kaisers Maurikios scheibt. Des weiteren könnten auch die Werke des Prokopios und des Agathias miteinander verglichen werden, die beide über die justinianische Zeit schreiben. Zu bedenken ist hierbei, dass Agathias mit einem zeitlichen Abstand unter Kaiser Justin II. schrieb. Aus dem Werk des Agathias könnten eventuell auch Rückschlüsse auf Semantiken der Zeit von Justin II. gewonnen werden, für dessen Herrschaftszeit kein Werk der klassizisierenden Historiographie komplett überliefert ist.
Eine Sicht von Zirkeln jenseits der Reichselite wäre aus der Beschäftigung mit Autoren zu gewinnen, die außerhalb des spätantiken Römischen Reiches schrieben. Zu denken ist hierbei an den armenischen Historiker, der als Pseudo-Sebeos bekannt ist und dessen Werk in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts entstand. Dieses Werk wäre für das Thema insofern von hohem Interesse, als es über die Vorgänge im Römischen und Persischen Reich ab dem späten 6. Jahrhundert berichtet und dabei einen Zugang zur Perspektive der armenischen Aristokratie bietet, die ab dieser Zeit zunehmend in die militärische Elite des Römischen Reiches Eingang fand. Zu denken ist hierbei an Narses (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen praepositus sacri cubiculi unter Justinian) oder Herakleios d. Ä.