Der Diskussionsrahmen der Abteilung "Mittelalterliche Geschichte" umfasst zwei Gegenstände:
(1) Mit Blick auf die ferne Vergangenheit geht es um die Kulturen des euromediterranen Raums zwischen dem Untergang der römischen Mittelmeerwelt und dem Zeitalter der europäischen Expansion.
(2) Mit Blick auf unsere eigene Gegenwart geht es um Funktion und Relevanz dieser historischen Gesellschaften in Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik der europäischen Gesellschaften seit etwa 1800.

Der Schwerpunkt der Mittelalterforschung liegt auf der Geschichte Westeuropas zwischen dem fünften und fünfzehnten Jahrhundert. Dabei geht es auf verschiedenen Forschungspfaden um die Entstehung jener spezifisch westlichen Kulturmuster, die nach dem Verschwinden des Römischen Imperiums im Raum der lateinischen Kirche entstanden sind – beginnend mit den Gesellschaften  ohne Staat in der fränkischen Welt des 5. bis 10. Jahrhunderts, über die Ausdifferenzierung des Politischen und des Religiösen, bis zur Herausbildung säkularer politischer Kulturen –Monarchien wie Republiken – seit dem 13. Jahrhundert. Die in diesen Jahrhunderten im lateinischen Europa entstandenen sozialen, ökonomischen, politischen, intellektuellen und ästhetischen Kulturmuster waren nicht nur die Bedingung der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert, ihren Spuren begegnen wir noch heute besonders dann, wenn wir nach den Wurzeln der oft problematischen und konfliktuösen Differenzen fragen zwischen unseren „westlichen“ Kulturen und jenen anderen Großkulturen, mit denen wir inzwischen eng verwoben sind.

Der Raum – Räumlich erstrecken sich die Forschungen von Skandinavien, dem anglonormannischen England, dem hansisch geprägten Nord- und Ostseeraum über die nord- und südalpinen Gesellschaften im Machtbereich der mittelalterlichen Kaiser, bis zu ungewöhnlich strukturierten Gesellschaften wie der „kopflosen“ (akephalen) Gesellschaft Okzitaniens, oder den Gesellschaften in den Kontaktzonen zwischen lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Welt.

Die Themen – Thematisch geht es um Deutungsmuster und ihre sprachlichen und bildlichen Manifestationen, um die im Kulturvergleich außergewöhnliche Struktur von Verwandtschaft in Westeuropa, um Vorstellungen von Körper und Krankheit, um spezifische Strukturen maritim geprägter Gesellschaften, um die sehr unterschiedlichen Entstehungs- und Funktionslogiken politischer und administrativer Institutionen, um interkulturelle Austausch- und Transferprozesse. Eine besondere Anstrengung gilt auch dem Blick auf die mittelalterliche Bildproduktion.

Die Forschung zur Geschichtswissenschaft und ihrer Rolle in der Erinnerungskultur konzentriert sich auf den Zusammenhang von kollektivem Bildgedächtnis und historischer Imagination in den national konzipierten Gesellschaften des modernen Europa.