Johannes Haller (1865–1947)

Historie und Politik vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus

Bearbeiter: Benjamin Hasselhorn (Passau) / Dr. Christian Kleinert (Frankfurt am Main)

Der Deutschbalte Johannes Haller gehört mit seinen methodisch vorbildlichen Einzeluntersuchungen und glänzend geschriebenen Darstellungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters und vor allem mit dem monumentalen Alterswerk „Das Papsttum. Idee und Wirklichkeit,“ Bd. I–III, Stuttgart, Berlin 1934–1945, zu den wichtigen deutschen Historikern seiner Generation. Insbesondere auch auf dem Gebiet der Konziliengeschichte hat er durch bedeutende Quellenfunde, durch deren kritische Edition und scharfsinnige Auswertung Anstöße gegeben, die in der Forschung bis heute fortwirken. Zu einem der meistgelesenen Historiker des 20. Jahrhunderts machten ihn jedoch allgemeine Darstellungen wie die „Epochen der deutschen Geschichte“ oder „Tausend Jahre deutsch-französischer Beziehungen“ sowie Arbeiten zur Zeitgeschichte („Die Ära Bülow“, „Aus dem Leben des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld“ etc.), mit denen er über das engere Fachpublikum hinaus Hunderttausende von Lesern erreichte. Wissenschaftliches Ansehen, Gabe zu klarer Darstellung komplizierter Zusammenhänge und außerordentliches rednerisches Talent setzte Haller aber auch ein, um als „politischer Professor“ weit über die akademische Welt hinaus meinungsbildend zu wirken. Obwohl er sich selbst durchaus als Angehöriger einer europäischen Bildungs- und Geisteselite begriff, nutzte er unter dem Eindruck des verlorenen Ersten Weltkriegs und des „Schanddiktats“ von Versailles öffentliche Vorträge und Artikel in der überregionalen Presse zu radikal-deutschnationalen Angriffen gegen Demokratie und Weimarer Republik und trug damit das Seine zum Aufstieg Hitlers bei. Hallers Haltung zum Nationalsozialismus sollte dann jedoch von Zwiespalt gekennzeichnet bleiben: Der Bewunderung der politischen, insbesondere der außenpolitischen Erfolge Hitlers stand entschiedene Ablehnung gegenüber, wenn es sich um Hochschulpolitik, nationalsozialistische „Interpretationen“ der „deutschen“ Frühgeschichte oder etwa Angriffe auf die Stellung der evangelischen Kirche handelte.

Der Nachlaß Johannes Hallers, der es ermöglicht, die schwierigen Anfänge seiner Karriere in Rom und Basel und dann jene für deutsche Historiker seiner Generation nicht untypische, sich bei ihm aber besonders scharf abzeichnende Doppelrolle als methodisch gewissenhafter Fachgelehrter und politisierender Publizist vom Kaiserreich bis in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nachzuzeichnen, ist bislang nur punktuell genutzt worden. Die „Lebenserinnerungen“ hat Reinhard Wittram 1960 in einer nicht unbedingt zuverlässigen Edition vorgelegt, wobei der letzte Teil unveröffentlicht geblieben ist, in dem Haller unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs eine parteiische, aber kenntnisreiche Abrechnung mit der deutschen Außenpolitik nach Bismarck liefert und das Versagen von Heeresleitung und Reichsregierung im Ersten Weltkrieg schildert. Von den mehr als 2000 im Bundesarchiv Koblenz und im Universitätsarchiv Tübingen überlieferten Briefen von und an Johannes Haller wurden nur einzelne im Rahmen anderer Briefeditionen (Johan Huizinga, Karl Straube, Philipp Fürst zu Eulenburg) berücksichtigt; von den vielen weiteren Schreiben aus Hallers Korrespondenz, die im Fortschreiten der Projektarbeit bereits in über einem Dutzend Archive eruiert werden konnten, ganz zu schweigen. Neben den „Lebenserinnerungen“ sind es aber gerade diese Briefe, die angesichts des Korrespondentenkreises als Quellen zur allgemeinen und zur Wissenschaftsgeschichte ihrer Zeit Interesse verdienen.

Dafür stehen schon die Namen der Korrespondierenden – so hielt Haller Kontakt zu Vertretern des politischen Lebens von Hindenburg bis Rosenberg oder zum Kaiserhof im niederländischen Exil; für die gelehrte Welt seien nur Schreiben an oder von Albert Brackmann, Eduard Fueter, Johan Huizinga, Paul Fridolin Kehr, Fritz Rörig, Martin Spahn, Wilhelm Weber oder Reinhard Wittram erwähnt. Des weiteren ist auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Württemberg – Haller war von 1913 bis 1932 Professor in Tübingen und lebte nach seiner Emeritierung in Stuttgart – wie den Industriellen Robert Bosch, Theodor Heuss oder den Landesbischof Theophil Wurm hinzuweisen, zu denen Haller Beziehungen anknüpfte. Hervorzuheben ist auch die bereits in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzende und in ganz außergewöhnlicher Dichte überlieferte persönliche Korrespondenz Hallers mit Familienangehörigen, die Einblick in die Situation der deutschbaltischen Bildungsschicht unter dem zunehmenden Druck der zaristischen Russifizierungspolitik gewährt, oder die ernüchterte Sicht des jungen Haller auf deutsche Universitätsverhältnisse und die Frühzeit des Preußischen Historischen Instituts in Rom als Teil des wilhelminischen Wissenschaftsbetriebs wiedergibt. Von gleicher Offenheit, gerade bei der Behandlung politischer Fragen, sind auch die teilweise über Jahrzehnte geführten Briefwechsel mit Vertrauten wie dem Thomaskantor Karl Straube, dem lebenslangen Freund und berühmten Zoologen Jakob von Uexküll, dem Schüler und Tübinger Nachfolger Heinrich Dannenbauer oder dem eigenen Sohn Hans Jakob.

Aufbauend auf dieser Quellenerschließung und auf der für die Erstellung der wissenschaftlichen Kommentare notwendigen Forschungsarbeit soll der Edition eine Einführung in Johannes Hallers Leben und Werk vorangestellt werden.

Die Arbeit an der kommentierten Auswahledition der Korrespondenz und ihrer wissenschaftlichen Einleitung, sowie an einer Edition des letzten Teils der „Lebenserinnerungen“ ermöglichen Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Das Projekt wird im Verbund mit der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Abt. „Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts“ geleitet von Prof. Dr. Gerrit Walther, Bergische Universität Wuppertal, und Prof. Dr. Hans-Christof Kraus, Universität Passau) durchgeführt. Die Bearbeitung der kommentierten Auswahledition obliegt Benjamin Hasselhorn (Universität Passau) und [nebenamtlich] Dr. Christian Kleinert (Universität Frankfurt am Main).

Literaturhinweise


  • Publikationsverzeichnis Johannes Haller:
    Ernst, Fritz, Johannes Haller. 16. Okt. 1865 bis 24. Dez. 1947, Stuttgart 1949.
  • Haller, Johannes, Lebenserinnerungen. Gesehenes – Gehörtes – Gedachtes, Stuttgart 1960.
  • Müller, Heribert, Der bewunderte Erbfeind. Johannes Haller, Frankreich und das französische Spätmittelalter, in: HZ 252 (1991) S. 265–317.
  • Volkmann, Hans-Erich, Von Johannes Haller zu Reinhard Wittram. Deutschbaltische Historiker und der Nationalsozialismus, in: ZfG 45 (1997) S. 21–46.
  • Müller, Heribert, „Eine gewisse angewiderte Bewunderung“. Johannes Haller und der Nationalsozialismus, in: Gestaltungskraft des Politischen. Fs. Eberhard Kolb, hg. v. Wolfram Pyta u. Ludwig Richter (= Historische Forschungen. Bd. 63) Berlin 1998, S.443–482.
  • Schellakowsky, Johannes, Art.: Johannes Haller, in: Ostdeutsche Biographie. Persönlichkeiten des historischen deutschen Ostens, http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/haller-johannes-2/ [21.11.2012].
  • Bautz, Friedrich Wilhelm, Art.: Johannes Haller, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 2 (1990) Sp. 494, http://www.bautz.de/bbkl/h/haller_j.shtml [21.11.2012].
  • Kaudelka, Steffen, Johannes Haller. Frankreich und französische Geschichte aus der Sicht eines Deutschbalten, in: Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz, hg. v. Ulrich Pfeil (= Pariser Historische Studien, Bd. 86) München 2007, S.178-197.
  • Kraus, Hans-Christof, Deux peuples dans le débat des historiens. Les relations franco-allemandes vues par Jacques Bainville et Johannes Haller, in: Le Barbare. Images phobiques et réfléxions sur l'altérité dans la culture européenne, publ. par Jean Schillinger et Philippe Alexandre, Bern u.a. 2008, S. 267-286.