Sprechstunde

Termin nach Vereinbarung. Kontakt per Mail.


Forschungsschwerpunkte


Aktuelles Forschungsprojekt

Dissertationsprojekt von Tim Geelhaar (abgeschlossen)

" christianitas. Politisierungen eines Wortgebrauchs zwischen Spätantike und Karolingerzeit."

In der Forschung ist der Begriff christianitas fest etabliert. Er steht für das mittelalterliche Konzept einer einheitlichen, Nationengrenzen überschreitenden christlichen Gesellschaft, im Spätmittelalter sogar für die Gemeinschaft christlicher Nationen. Daher wird die christianitas auch als Vorläuferin der Idee Europa gesehen und in das entsprechende Narrativ eingebunden. Allerdings ruhen diese modernen Interpretationen ausschließlich auf der Analyse des Wortgebrauchs einiger Päpste von Gregor dem Großen bis Innozenz III. Jean Rupp zufolge hätten die Päpste des 9. Jahrhunderts dem Wort christianitas die Bedeutung einer zu schützenden und zu erweiternden Christenheit gegeben. Diese Sicht wurde jüngst noch dahingehend erweitert, dass dieser Umsemantisierungsprozess im Zusammenhang mit der Entstehung der Karolingerherrschaft gestanden habe, ohne dies jedoch nachgewiesen zu haben.

Die Studie konfrontiert die bisherige ideengeschichtliche Perspektive mit einer Wortgeschichte. Mit Hilfe einer Auswertung der großen digitalisierten Quellencorpora – Patrologia Latina, Latin Library of Texts, Monumenta Germaniae Historica – wurde ein Quellenkorpus erstellt, um ohne Vorannahmen aus der klassischen Ideen- und Begriffsgeschichte zu operieren, die in der Gefahr stehen, den Blick auf die mittelalterliche Praxis zu verstellen. Es geht nicht darum, das Entstehen der christianitas als Christenheit zu dokumentieren, sondern vielmehr darum zu erkennen, nach welchen gesellschaftlichen Bedürfnissen ein spezifischer Sprachgebrauch ausgerichtet, aktualisiert und umgeschrieben wurde, um damit letztlich auf die beschriebene Welt zurückzuwirken. Hierzu setzt die Studie in der Spätantike an, um den postulierten Umsemantisierungsprozess nachvollziehen zu können. Sie endet mit dem Tod Karls des Großen, um Rezeption und Auswirkung der päpstlichen christianitas-Idee und den Zusammenhang zur Karolingerherrschaft überprüfen zu können.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass christianitas im Laufe der Zeit immer wieder verschiedenen Politisierungsversuchen unterworfen war und durch die Fragmentierung der poströmischen Welt in Mikrochristentümer in verschiedenen räumlichen wie diskursiven Kontexten zu unterschiedlichen Semantisierungen herangezogen wurde. Dadurch konnte zwar die Idee der christianitas als Christenheit im Umfeld Karls des Großen aufkommen, als Träger dieser Idee konnte sich das Wort aber nicht durchsetzen, weil es zur Semantisierung der Christlichkeit als politischer Tugend für den karolingischen populus christianus gebraucht wurde. Da dieser Diskurs bereits über ein funktionierendes, sinnstiftendes Vokabular verfügte, gab es keine Notwendigkeit zur erneuten Umsemantisierung und Einführung von christianitas als Leitvokabel christlicher Weltdeutung. Spätere Versuche der Umsemantisierung konnten hingegen wegen der Fragmentierung des Kommunikationsraums ebenfalls keine umfassende Platzierung der Vokabel im christlichen Diskurs erreichen.


Auszeichnungen

  • 2014: Dissertationspreis des Stiftungsfonds Kopper.

Curriculum Vitae

  • Seit Oktober 2013: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im BMBF-Projekt „Computational Historical Semantics“ an der Professur Mittelalter I der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
  • April 2012 bis August 2013: Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Mittelalter II der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

  • Oktober 2010 bis Juni 2011: Stipendiat am Collège doctoral der Universitäten Paris I (Panthéon-Sorbonne) und der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

  • Juli bis September 2010: Stipendiat am Deutschen Historischen Institut Warschau.

  • Oktober 2008 bis März 2012: Stipendiat des Leibniz-Projektes "Politische Sprache im Mittelalter" an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

  • April 2006 bis Januar 2008: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuständig für das von der Thyssen-Stiftung finanzierte Projekt "Stiftungstod. Säkularisation von Kirchengut und andere Gefährdungen für die Stiftungszwecke durch staatliche Gewalt in der lateinischen und griechisch-orthodoxen Christenheit des Mittelalters - ein transkulturelles und internationales Forschungsprojekt" (unter Leitung von Prof. Dr. Michael Borgolte).

  • Oktober 2002 bis März 2003: Studienaufenthalt an der Universität Panthéon-Sorbonne (Paris I).

  • April 2002: Studienaufenthalt am Gonville & Caius College, Cambridge.

  • Juli 2003: Studienaufenthalt am Institut Européen de Cluny.

  • Oktober 1998 bis September 2004: Studium der Mittelalterlichen Geschichte, der Politikwissenschaft und der Neueren/Neuesten Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

  • Abschluss: Magister Artium, Thema der Arbeit: Madrasa und Universitätskollegium. Die These George Makdisis aus der Sicht der abendländischen Universitätsgeschichte.


Publikationen

Monographien

  • Christianitas. Eine Wortgeschichte von der Spätantike bis zum Mittelalter (Historische Semantik, Bd. 24), Göttingen 2015.

Herausgeberschaft

  • zusammen mit John Thomas (Hgg.), Stiftung und Staat im Mittelalter. Eine byzantinisch-lateineuropäische Quellenanthologie in komparatistischer Perspektive. (StiftungsGeschichten, Bd. 6.) Berlin 2011.

Artikel

  • zusammen mit Roberta Cimino, Silke Schwandt, Digital Approaches to Historical Semantics: New research directions at Frankfurt University, in: Storicamente 2015 (→ zum Artikel).
  • Talking About christianitas at the Time of Innocent III (1198–1216) What Does Word Use Contribute to the History of Concepts? In: Contributions to the History of Concepts 10/2, 2015, 7-28.
  • zusammen mit Alexander Mehler; Tim vor der Brück; Rüdiger Gleim, Towards a Network Model of the Coreness of Texts: An Experiment in Classifying Latin Texts using the TTLab Latin Tagger, in: Chris Biemann and Alexander Mehler (eds.): Text Mining: >From Ontology Learning to Automated text Processing Applications, Series: Theory and Applications of Natural Language Processing, Berlin/New York, 2015.
  • Wendische Städte oder civitates maritimae? Sondierungen zum Sprachgebrauch in den Hanserezessen von 1256-1370, in: Rudolf Holbach, Dietmar von Reeken (Hgg.), „Das ungeheure Wellen-Reich“. Bedeutungen, Wahrnehmungen und Projektionen des Meeres in der Geschichte (Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft, Bd. 15.) Oldenburg 2014, 57-70.
  • zusammen mit Ulla Kypta, Marins, Marchands, Hommes du Conseil. A propos des gens de mer dans les villes hanséatiques, in: Éric Guerber (Hrsg.), Les gens de mer et leur intégration dans la société politique des cités portuaires aux époques ancienne, médiévale et moderne, Rennes 2013, S. 177-204.
  • L’autorité du pape sur la chrétienté: développement d’une idée au IXe siècle? Auctoritas et la christianitas dans les lettres de Jean VIII (872 882), in: Hypothèses 2011, 225-237.
  • Did the Medieval West receive a „Complete Model“ of Education from Classical Islam? Reconsidering George Makdisi and His Thesis, in: Jörg Feuchter/Friedhelm Hoffmann/Bee Yun (eds.), Cultural Transfers in Dispute. Representations in Asia, Europe and the Arab World since the Middle Ages, Frankfurt am Main 2011, 61-83.
  • Stiftung und Innovation. Das Kloster Megistri Lavra auf dem Berg Athos und das New Minster, Winchester, im interkulturellen Vergleich, in: Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa. Festschrift für Michael Borgolte zum 60. Geburtstag, hg. von Wolfgang Huschner und Frank Rexroth. Berlin 2008, 245-274.
  • Stiftungszweck Bildung? Die mittelalterlichen Pariser Universitätskollegien im interkulturellen Vergleich mit der islamischen Madrasa, in: Bildungsmäzenatentum. Privates Handeln - Bürgersinn - kulturelle Kompetenz seit der Frühen Neuzeit, hg. von Johannes Flöter und Christian Ritzi. Köln/Weimar/Wien 2007, 39-72.
  • Katalogtexte II.10, II.11, II. 14, in: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806. Altes Reich und Neue Staaten 1495 bis 1806. Katalog hg. v. Hans Ottomeyer/Jutta Götzmann/Ansgar Reiss. (29. Ausstellung des Europarats in Berlin und Magdeburg), Dresden 2006, 76-81.
  • Die Ev.-Luth. Landeskirche Eutin im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, in: Eutin 1945: Leben im Umbruch. Katalog der Schülerprojektgruppe des Carl-Maria-von-Weber-Gymnasiums. Eutin 1996, 149-168.

In Vorbereitung

  • zusammen mit Ulla Kpyta, War die Hanse thalassokratisch?, in: Jan Rüdiger/Nikolas Jaspert (Hgg.), Über die Küsten hinaus [abgegeben; vorgesehen für 2015]